Sebastian Haffner: Abschied

Ein melancholisch-leichter Countdown auf den Abschied von einer Liebe

Kurze Momente des Glücks vor dem endgültigen Abschied. Mit Tucholsky-Vibes, aber nicht in Schweden oder Rheinsberg, sondern 1931 im Paris der Boheme, im verrauchten Hotelzimmer, im verrauchten Café, auf dem Weg zum Eiffelturm oder im Louvre, mit wenig Geld, aber viel Gefühl. Ein melancholisch-leichter Countdown auf den Abschied von einer Liebe.

Der Rechtsreferendar Raimund (Alter Ego von Sebastian Haffner) fährt nach Paris zu Teddy, der Studentin, in die er sich in Berlin verliebt hatte. Dass diese Liebe keine Chance hat zu überleben, zeigt Teddy ihm unmissverständlich. Das schmälert die gegenseitige Anziehung aber nicht. Man schlendert durch die Straßen der französischen Hauptstadt im sicheren Bewusstsein der Endlichkeit. Nein, kein Ende! Kein Ende!, beklagt der Ich-Erzähler wie Fausts Gretchen. Und dann stehen sie am Gare du Nord, es ist schon fast zehn Uhr:

„‘Du hättest im Sommer hier sein müssen‘, sagte Teddy, und jetzt waren wir ganz am Ende des Bahnsteigs, wo es nicht mehr weiterging, und dort blieben wir stehen und küssten uns, und wenn wir aufblickten, sahen wir draußen die Gleise und die Signale und die kleinen Lichter über den Gleisen, alles ganz endlos, endlos, und wir machten die Augen zu und küssten uns wieder, und die Zeit verging gar nicht so furchtbar schnell, sie war ganz gnädig …“

Ein kleiner feiner Roman, dem man die so arg verspätete Bestsellerposition von Herzen gönnt, auch wenn ein Lektor (falls das Buch 1931 erschienen wäre) damals wohl ein bisschen rumgestrichen hätte, besonders, was die gar so häufige Erwähnung der Uhrzeiten anbelangt.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar