Demian Lienhard: Mr. Goebbels Jazz Band

Jazz und Propaganda

William Joyce ist ein Faschist in England. Im August 1939 wird er vor einer drohenden Verhaftung gewarnt und flieht nach Berlin. Dort übersetzt er seinen Namen und heißt fortan Froehlich. Der Engländer mit irisch-amerikanischen Wurzeln soll zusammen mit seiner Frau Margaret eine Propagandasendung für Großbritannien leiten. „Germany calling“ heißt die Rundfunksendung mit Nazi-Propaganda, dazwischen Musik. Allerdings solche, die in Deutschland als „entartet“ gilt oder verboten ist, in den angelsächsischen Ländern aber gern gehört wird. Die Swing-Band „Charlie and his Orchestra“ oder auch „Mr. Goebbels Jazz Band“ sendet nach England, mit Neuinterpretationen bekannter Stücke, manchmal mit neu hinzugedichteten Strophen nazi-deutschen Kulturguts. Obendrein wird ein Schriftsteller aus der Schweiz engagiert (nicht gerade aus der ersten Reihe), der einen Roman über die Band schreiben soll, alles in Goebbels‘ Auftrag.

Verrückt, denkt man. Dabei stimmen die Fakten (bis auf den Schriftsteller, den Lienhard hinzugedichtet hat).

Lienhard erzählt die Geschichte dieses Schriftstellers namens Mahler und die des William Joyce, der nach dem Krieg von den Briten hingerichtet wurde, und (titelgebend) die Geschichte der Jazzband und einzelner Musiker, darunter Juden und Homosexuelle. Mahler ist von seiner Aufgabe völlig überfordert, weiß nicht, was er schreiben soll. Er versucht sich den Musikern anzunähern. Einer der Musiker erklärt ihm, wieso er für das Propagandaministerium spiele:

„Die Arbeit für das Ministerium sei halt auch eine Existenzfrage […]. Er spreche nicht vom Geld […] Vom Orchestergraben in den Schützengraben sei es kein weiter Weg […] Zu wenig Jude, um von der Wehrpflicht befreit zu sein, aber zu viel, um als Deutscher durchzugehen.“

Irgendwann fragt sich Mahler, wie das gehen soll, einen Propagandaroman zu schreiben. Über Menschen, die vor einem gewaltigen Dilemma stehen: Musik zu machen für ein menschenmordendes System oder unterzugehen. Im Wissen darum, dass sie nur so lange weitermachen können, wie Goebbels‘ Idee Bestand hat. Und dass Goebbels‘ Ziel darin besteht, Menschen wie sie nach dem „Endsieg“ sowieso umzubringen. Kaum möglich. Einziger Ausweg:

„Was aber […] wenn man (und damit meint er natürlich sich selbst) beispielsweise, sozusagen, gewissermaßen, sein Leben nähme, seine eigene Geschichte, oder aber, auch beispielsweise, und noch viel besser, Froehlichs Leben, um es als Garn aufzuspannen“ und damit die Geschichte des Orchesters zu erzählen. „Einen vielstimmigen Text ergäbe das, einen Roman wie eine Jazzband …“

Erstaunliche Ähnlichkeiten zu dem Roman, den man gerade vor Augen hat!

Die Erzählweise ist ironisch, manieriert, mit Thomas Mann gesprochen: Es gibt da „einen raunenden Beschwörer des Imperfekts“, die Handlung ist aber keineswegs „mit historischem Edelrost überzogen“, auch wenn der Erzähler des Romans sich in scheinbar vormoderner Manier selbst ins Spiel bringt:

„Das ist das bedauerliche Los des Erzählers: Wie sehr es ihn auch schmerzt, er kann doch nicht anders, als seinen Figuren tatenlos zuzuschauen, von ihren Irrungen und Wirrungen zu berichten, auf dass ihre Fehler mahnendes Beispiel für die Nachwelt seien, der wir ja inzwischen selbst angehören.“

Da stutzt man doch und überlegt, ob mit diesem Erzähler aus dem 21. Jahrhundert wirklich alles in Ordnung ist. Ist es nicht, so viel sei verraten. Am Ende des Buches wird man aufgeklärt. Oder doch nicht? Zwei Nachworte, eins vom Autor, eins von einem Archivar. Wer erzählt hier eigentlich? Perfekt!

Eine vielschichtige Erzählung, die sich des bizarren historischen Vorgangs annimmt, über Macht, Manipulation, Opportunismus und die Rolle der Literatur erzählt. Mit skurrilen Untertönen, manchmal sogar zum Lachen komisch.

Gern gelesen.

Hintergrundbild: https://bertberger.de/

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