Wir sitzen im Kino und schauen einen Film an. Nicht auf der Leinwand, sondern auf den Buchseiten des Romans. Es wird dunkel. Der Film beginnt mit einer Szene im verschneiten Schweizer Ort Klosters. Es ist das Jahr 1969. Greta Garbo hilft Erika Mann und ihrer Lebensgefährtin Signe von Scanzoni, den im Schnee liegen gebliebenen Wagen wieder auf die Fahrbahn zu bringen. Unerkannt eilt die Garbo weiter zum Haus ihrer Freundin Salka Viertel.
Damit ist auf der ersten Seite des Romans schon ein Großteil der tragenden Figuren vorgestellt. Marlene Dietrich fehlt noch. Die kommt in der zweiten Szene hinzu – in einer Rückblende. 1924. Erika und Klaus Mann, Pamela Wedekind und Greta Garbo sitzen in einer Bar. Man fachsimpelt über Film. Man schaut dem Damenimitator auf der Bühne zu. Die legendäre Tänzerin Anita Berber tritt ein, man trinkt Champagner. „Dietrich, Marlene. Angenehm.“ Da meldet sich die Erzählerin. „Ach – so jung haben wir sie gar nicht erkannt!“
Das WIR sind wir alle: die Autorin, die Leser des Romans, das Kinopublikum. Die Szene geht noch weiter:
„’Aber – warum haben Sie denn einen Roman verfilmt?‘, fragt Klaus entgeistert. ‚Warum Worte in Bilder verwandeln?‘ ‚Man will ja auch nicht umgekehrt einen Film als Roman aufschreiben‘, ergänzt Erika.“
Was Erika unverständlich ist, macht Angela Steidele. Sie erzählt den ganzen Roman als Film. Mit allem, was dazu gehört: mit Schnitt und Gegenschnitt, Großaufnahme und Halbtotale, Rückblende, Parallelmontage, Match Cuts u. s. w. Nebenfiguren treten auf und ab: Friedrich Wilhelm Murnau, Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin, Thomas Mann und viele andere Berühmtheiten.
Der Film führt auch metaphorisch vom Licht ins Dunkel, von den Zwanziger Jahren in Berlin über die strahlenden Hollywoodjahre der beiden Diven Garbo und Dietrich in das Dunkel des Dritten Reichs. Es geht um die große Politik und die Legenden, die die Diven von ihrem Leben stricken. Was davon ist wahr? Und was ist einfach gut erfunden?
Steidele erzählt immer wieder abwechselnd von der Begegnung in Klosters und der Zeit, als Greta und Marlene von Berlin nach Hollywood gingen, von ihren Karrieren, den lesbischen Liebschaften (auch einer gemeinsamen Geliebten), den Kabbeleien und Feindschaften, der Knechtung der Regisseure und Schauspieler durch die allmächtigen Filmstudios. Bis die bigotte Zensurbehörde alles vermeintlich Anstößige verbietet. Garbo und ihr Film „Queen Christina“ sollen der Auslöser gewesen sein. Sogar die „Besetzungscouch“ taucht auf, die es – wie man weiß – vielleicht sogar heute noch gibt:
„Wir hören Erika Mann zu, wie sie Signe von ihrer Flucht erzählt und dem widerstrebenden Vater, der sich nicht gegen die Nazis positionieren wollte. Wir erfahren, was Marlene Dietrich über die Vorgänge in der alten Heimat denkt: „Das gehört sich nicht.“ Wir sehen, wie sich Greta Garbo aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Und wir wissen nicht, ob das alles so stimmt. Angela Steidele hat gründlich recherchiert und in ihrem „Buch-Film“ ein Gerüst aus Fakten gebaut, in das sie Begegnungen hineinerfindet und den Figuren Worte in den Mund legt, die sie so gesprochen haben könnten. Womöglich. Eine historischer Unterhaltungsfilm.
„Hast du nicht bemerkt, dass historische Romane immer von der Gegenwart handeln?“, äußert Erika Mann gegenüber ihrem Bruder Klaus einmal. Steideles Roman tut das auch. Es geht um Wirklichkeit, Imagination und Fälschung der Wirklichkeit. Mehr als Unterhaltung. Die Darstellung einer Epoche, Filmgeschichte. Mal tragisch, mal leicht.
Ein Roman, den ich sehr gern gelesen habe, auch wenn die Lektüre manchmal anstrengend war. Als Leserin bin ich es nicht gewohnt, eine Handlung ausschließlich aus der Kameraperspektive zu verfolgen. Aber es hat sich gelohnt. Demnächst alte Garbo-Filme schauen!
Fun fact: Am Rande löst Angela Steidele auch noch das Rätsel, wer eigentlich den „Mann-Zwillingen“ im Jahr 1927 in Los Angeles 1000 Dollar für ihre Weiterreise rund um die Welt spendiert hat. Vielleicht stimmt’s ja.
Auf der Seite des Suhrkamp Verlags gibt es eine Sonderseite zum Buch mit Playlist und Informationen zu Greta Garbo und Marlene Dietrich, Erika Mann und Salka Viertel.
Empfehlenswert im thematischen Umfeld auch: Ursel Braun, „Exil im Paradies“, ebersbach & simon 2025 (zu Salka Viertel und der Exil-Bohème in Los Angeles) und Eveline Hasler, „Stürmische Jahre“, Nagel & Kimche 2015 (zu Erika und Klaus Mann und Annemarie Schwarzenbach in der Schweiz).




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