Julia Strachey: Heiteres Wetter zur Hochzeit

Die kleine Satire auf Attitüden und Vorgänge in der englischen „Upper Class“ erschien 1932 unter dem Titel „Cheerful Weather for the Wedding“ bei „The Hogarth Press“, dem Verlag von Virginia und Leonard Woolf. Kein Wunder, denn Julia Strachey gehörte zum Kreis der Bloomsbury Group und war die Nichte des engen Freundes von Virginia Woolf, Lytton Strachey. Virginia Woolf nannte den Roman eine „bemerkenswert säuerliche Geschichte“.

„Cheerful“ oder heiter kann man das Wetter an dem Hochzeitstag der dreiundzwanzigjährigen Dolly nicht nennen. Am Morgen ist es grau, kalt und sehr windig in Dorset. Nur die Mutter der Braut, Mrs. Thatcham, findet es überaus angenehm. Sie geht durch die Räume, ordnet hier und da etwas, gibt den Dienstboten Anweisungen und revidiert sie wieder, quartiert Verwandte und Freunde versehentlich im selben Schlafzimmer ein und findet alles, was um sie herum passiert, seltsam. Um zwei Uhr soll die Hochzeit stattfinden. Dolly soll mit einem Diplomaten verheiratet werden, den sie erst seit einem Monat kennt. Eine arrangierte Ehe. Dunkle Geheimnisse? Die Leser werden lange im Unklaren gelassen und erst am Ende löst sich die Spannung in gewisser Weise dramatisch auf. Die Wahrheit bleibt ungewiss.

Ein Hochzeitsgeschenk – der bemalte Lampenschirm, den eine Freundin der Mutter geschickt hat, wird ausführlich diskutiert, ein kalter Imbiss wird gereicht. Man wartet auf die Braut. Die aber sitzt oben in ihrem Zimmer und besäuft sich mit Rum. Sie weiß, dass die Hochzeit ein Fehler ist. Hat sie eine Wahl? Der Countdown der Stunden und Minuten wird heruntergezählt (ein beliebtes Mittel, um eigentlich kaum vorhandene Längsspannung auszudrücken). Die Braut kommt nicht. Verwandte machen Konversation, Kinder streiten sich. In einem der Salons sitzt Joseph, der bei Ansprache abwechselnd rot und blass wird, unvermutet in Kicheranfälle ausbricht und nicht weiß, wohin mit seiner Anspannung. Aber er erklärt sich nicht und hätte doch so viel zur Braut zu sagen. Nicht nur sein Auftreten findet Mrs. Thatcham seltsam.

Die Schildkröte Dollys wird in eine Keksdose verpackt, sie soll mit nach Südamerika, ins neue Heim des Brautpaars. Das Tier hatte Joseph Dolly im Sommer zuvor geschenkt. Der Bräutigam weigert sich, sie mitzunehmen und lässt sie aussetzen. Hochsymbolisch!

Der Kürze des Textes geschuldet bleiben die Charaktere etwas schemenhaft. Die Mutter oberflächlich, der nervöse Joseph fahrig. Er fährt nur einmal verbal aus seiner Haut, das aber dann sehr ruhig:

„‘Warum machen Sie sich nicht an die Arbeit und versuchen, etwas zu ändern‘, sagte Joseph, ‚herauszufinden, was es mit den Dingen auf sich hat, die Sie so verwirren? Hm-n? Das wäre bestimmt interessant, meinen Sie nicht?‘ […] Wenn es um Ihre eigenen Töchter geht, wissen Sie natürlich weniger als die Fliege dort an der Decke‘.“

Die übrigen Figuren vervollständigen (in verschiedenen Schattierungen)  das Bild einer Gesellschaft, der Schein wichtiger ist als Wahrheit. Julia Strachey zeichnet das Bild ihrer eigenen Klasse.

Ihre Bilder sind zuweilen etwas weit hergeholt, aber auch eigenwillig und erfrischend: Da schimmert Dollys Gesicht „vor den Farnen blass wie eine phosphoreszierende Orchidee, die in einem halbdunklen Sumpf blüht.“ Mrs. Thatcham wuselt durchs Haus „mit einem scharfen besorgten Ausdruck auf dem langen Gesicht – als hätte sie versehentlich eine Schachtel lebendiger Hummeln verschluckt und spüre nun langsam, wie sie sich in ihrem Inneren rührten.“

Ein kleiner Roman für hartgesottene Großbritannien-Fans. In die Jahre gekommen. Aber für Menschen, die sich an „Downton Abbey“ erfreuen, vielleicht lohnend.

Die sehr schöne deutsche Ausgabe (2021) gibt es beim Dörlemann Verlag. Die Übersetzung besorgte Nicole Seifert.

Hintergrundbild: Manor House in Dorset (Wikimedia Commons)

Lektüre für einen Nachmittag

Warmherziger, zugänglicher und auch aus dem Dunstkreis von Bloomsbury ist der autobiographische Roman Mary MacCarthys, einer entfernten Cousine von Virginia Woolf: „Kleine Fliegen der Gewissheit„, 2024 bei AvivA auf Deutsch erschienen (übersetzt und kommentiert von Tobias Schwartz).

Uneingeschränkt zu empfehlen ist der historische Roman über Virginia Woolf, Lytton Strachey (den Onkel von Julia Strachey) und die Bloomsbury Group: Christiane Henke: „Lunatics„. Erschienen bei ebersbach & simon 2024.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar