Drei Frauen in Wien 1900 -1938: Emilie Flöge, Milena Jesenská und Veza Canetti
Mit dem „Anschluss“ ist alles vorbei. Emilie Flöge verliert ihre vermögenden Kundinnen und muss ihren Kleidersalon schließen. Milena Jesenská wohnt da schon längst wieder in Prag. Sechs karge Jahre hat sie in Wien verbracht. Veza Canetti ist wie Emilie Flöge in Wien geboren, muss aber 1938 vor den Nazis fliehen.
Kris Lauwerys hat die Wiener Lebensgeschichten der drei Frauen in seinem Buch mit der Geschichte der Stadt verwoben. Frauen, die sonst gern als Muse von … oder Freundin von … oder Ehefrau von … beschrieben werden, bekommen hier ihren prominenten Platz.
Für Lauwerys sind sie Ankerfiguren für bestimmte Zeitabschnitte in seiner Wien-Erzählung. Die reicht vom viel beschriebenen Fin de Siècle über die Erste Republik und den Austrofaschismus bis zur Machtübernahme der Nazis.
Emilie Flöge (1874-1952) lernt Schneiderin. Durch ihren Bruder kommt sie in Kontakt zu Gustav Klimt, mit dem sie später eine lebenslange Partnerschaft eingeht. Der Kontakt ist schon bald recht intensiv: „Klimt, der es hasst zu telefonieren, schickte Emilie am 10. Juli 1907 nicht weniger als acht (!) Karten an einem Tag“. Die drei Flöge-Schwestern eröffnen einen Modesalon. Emilie ist der kreative Kopf. Sie entwirft Kleider, über die viele zunächst die Nase rümpfen, die aber später ihr Markenzeichen werden, sogenannte Reformkleider. Weit fließend, ohne Korsett zu tragen. Der Salon wird berühmt. Emilie stattet die Damen der Gesellschaft aus, Klimt malt sie. Die Sommer verbringt sie in der Villa Paulick am Attersee – oft mit Klimt. Wie sie zu seinen Affären steht, weiß man nicht. Sie führt ein unabhängiges Leben und eine „offene Beziehung“.
„Natürlich ist es förderlich, dass sie Klimts zahlreiche Kontakte nutzen kann. Ebenso wichtig ist jedoch ihr protestantisch-bürgerlicher Hintergrund, der sie wie selbstverständlich Anschluss an das prägende progressiv-künstlerische Milieu Wiens in der Zeit um 1900 und später finden lässt.“
Mit der Judenverfolgung nach dem „Anschluss“ verliert Emilie ihre zahlungskräftige Kundschaft. Der Salon muss schließen.
Milena Jesenská (1896 -1944) ist zwangsweise in Wien gelandet. Ihr Vater lehnt ihre Heirat mit dem jüdischen „Dichter ohne Werk“ Ernst Polak ab, sperrt sie ein Jahr lang in eine Heilanstalt. 1918 muss sie Prag auf Geheiß ihres Vaters verlassen. In Wien lernt sie Deutsch und kommt in den Cafés in Kontakt mit vielen Literaten. Die „offene Ehe“ mit dem rücksichtslosen Gatten macht ihr schwer zu schaffen. Sie sieht aus „wie sechs Bände Dostojewski“, sagen ihre Freunde. Geld fehlt, Milena hungert. Aus ihrer Armut schreibt sie sich mit Artikeln für tschechische Zeitschriften heraus. 1920 fragt sie Kafka, ob sie seine Erzählung „Der Heizer“ übersetzen dürfe. Sie darf. Der berühmte Briefwechsel beginnt. 1925 kehrt sie nach Prag zurück. Und kann von ihrer Arbeit leben.
Veza Canetti (1897-1963) ist vielleicht die am wenigsten bekannte der drei porträtierten Frauen. Sie stand zu Unrecht im Schatten ihres Ehemanns, des Nobelpreisträgers Elias Canetti. Den einige Jahre jüngeren Chemiestudenten lernt sie 1924 kennen. Die mehrsprachige Veza verdingt sich als Übersetzerin und Englischlehrerin. Ende der Zwanzigerjahre schreibt sie einen Roman, den sie später vernichtet. Ihre Geschichten kann sie unter verschiedenen Pseudonymen in linken Zeitschriften publizieren. Sie verdient das Geld für beide. Elias bewundert ihre literarische Bildung, ist aber auch sehr eifersüchtig auf ihre ersten literarischen Erfolge. „Noch mindestens bis in die Dreißigerjahre […] galt er nur als der Mann der Schriftstellerin“. Eine „offene Ehe“ auch hier: Mit den Geliebten ihres Mannes ist sie sogar befreundet. Mit Schmerzen. Nach dem Untergang des fortschrittlichen Wien 1934 wird es für das jüdische Ehepaar immer schwieriger und gefährlicher. 1938 müssen sie fliehen.
Im Nachwort erzählt der Autor, wie es den drei Frauen nach ihrer Wiener Zeit ergangen ist. Neben diesen Porträts entwirft Lauwerys das der Stadt Wien, oben wie unten. Mit den Salons, in denen die Intellektuellen verkehrten (wie dem der Berta Zuckerkandl), mit den Elendsquartieren ohne Licht und mit Wasseranschluss und Toilette im Treppenhaus. Die Wiener Sezession, die Wiener Werkstätte, Otto Wagners Architektur, das Rote Wien, die Frauenbewegung, der Erste Weltkrieg, die Spanische Grippe, … – all das wird informativ anregend und anschaulich verpackt dargeboten. Zum Weglesen und zum Nachlesen. Ein feines Wien-Buch!
Mit einigen Fotos der porträtierten Frauen und einem umfangreichen Literaturverzeichnis im Anhang.
Übersetzt von Annette Wunschel.
Ich danke dem Residenzverlag und ehrlich & anders sehr herzlich für das Rezensionsexemplar.
Bilder von Flöge und Jesenská: Wikimedia Commons.
Hintergrundillustration: www.bertberger.de


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