Leider enttäuschend!
Ich mochte „Die Entdeckung der Langsamkeit“, den „Ullsteinroman“ und „Weitlings Sommerfrische“ sehr gern. Die „Herbstgeschichte“ erschien mir seltsam blutleer.
Es gibt den hochsensiblen, introvertierten Schriftsteller Michael, der sich eine Zweitkarriere als Lebensberater aufgebaut hat. Es gibt den Schulfreund Bruno, einen polternden Schauspieler und Theaterchef, der aufgrund falscher Anschuldigungen (Cancel Culture) sein bisheriges Leben aufgeben muss. Und es gibt Marietta, die eigentlich Irina heißt und für die Polizei gelegentlich als Super Recognizer tätig ist. Sie erkennt Gesichter von Verbrechern sicher. Kriminelle Clans sind daher hinter ihr her. In ihrer Kindheit ist sie sexuell missbraucht worden und schleppt das Trauma und schwer diagnostizierbare körperliche Erkrankungen mit sich herum. Die zwei Männer lernen Marietta/Irina auf einer Bahnfahrt kennen und sind von der jungen Frau fasziniert. Gemeinsam reisen sie nach Venedig. Dort aber verschwindet Marietta. Michael findet sie irgendwann wieder, avanciert zu ihrem Helfer (sie sitzt inzwischen im Rollstuhl), erklärt ihr aber nie seine Liebe. Ein großer Fehler.
Der Roman dreht sich um die Liebe, die Perspektiven auf das gelebte Leben, den Wert des Geschichten-Erzählens:
„Michael erzählte Marietta diese Geschichte keineswegs mit irgendeiner erzieherischen Absicht. Dass gute Absichten jedem Erzählen Bleigewichte anhängen, wusste er recht gut.“
Erzählt wird die Geschichte von einem dritten Schulfreund, Titus, einem Drehbuchschreiber. Der erhält die Unterlagen zu Michaels Marietta/Irina-Geschichte von dem von Marietta/Irina verlassenen und depressiven Michael. Er soll sie in ein Drehbuch verwandeln. Das Drehbuch wird nicht angenommen, da dem Produzenten die literarische Vorlage fehlt. Titus schreibt also sein Drehbuch in einen Roman um, damit der Film produziert werden kann. Er schafft es aber nicht, ihn zu beenden.
Im Epilog des Romans meldet sich der „nicht erfundene Autor“ (Sten Nadolny) und gibt den Lesern aus der Perspektive des Jahres 2027 einen Überblick über das weitere Leben der Protagonisten.
„Obwohl ich als ihr Autor auftrete, werde ich sie am Ende nicht allein geschrieben haben. Denn ohne die Aussagen, Aufzeichnungen und Briefe der handelnden Personen wäre sie gar nicht erst zustande gekommen.“
Verschachtelt also und kompliziert. Geknüpft wie die Teppiche, die die Protagonistin bewundert und später selbst anfertigt. Das Verfahren könnte reizvoll sein, wenn die Figuren nicht so papieren wirken würden und die Dialoge mehr Pep hätten.
Dennoch entwickelt die Geschichte einen gewissen Sog. Schließlich möchte man erfahren, wohin sich Mariettas/Irinas Geschichte entwickelt. Die der männlichen Protagonisten und des Erzählers ist weniger spannend.
Das Spiel mit Autor, Erzähler und Figuren habe ich schon deutlich spritziger erzählt bekommen, beispielsweise in Daniel Kehlmanns „Ruhm“ (2009).
Viele Querverweise auf Filme (z. B. auf Eric Rohmers „Herbstgeschichte“) und andere Werke und Schauplätze Nadolnys, das Segeln, das Bahnfahren. Leiser Humor zwischendrin, aber auch recht schmalzige und/oder unglaubwürdige Episoden (Titus‘ Liebesgeschichte mit einer Theologin, die ganz zufällig auch die Freundin Irinas/Mariettas ist), etwas abgeschmackte Kommentare zum realen Zeitgeschehen und recht überflüssige Zusammenfassungen politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Erschienen 2025 bei Piper.

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