Heilung, Tod und Auferstehung, Bibel, Buddha, Liebe und Verrat.
Tom, eine der vier Hauptfiguren in Karl-Heinz Otts Roman „Die Heilung von Luzon“ zitiert das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Dort fordert der Esel den Hahn auf, er solle fortgehen, denn „etwas Besseres als den Tod findest du überall“. In Otts Roman geht es genau darum: dem Tod zu entkommen, zu leben.
“Philosophieren ist schön, tut aber nicht weh“, sagte Gela.
„Im Gegensatz zu was?“
„Im Gegensatz zu diesem kleinen Leben, das wir alle führen und auf das man irgendwann zurückblickt und sich sagt …“
„Dass man es sich anders vorgestellt hat“, ergänzte er.
Sie blickten beide aufs Meer.
Nach einer Weile sagte Tom: „The road not taken.”
In dem zitierten Gedicht „The road not taken“ von Robert Frost geht es um die Entscheidung über den Weg, den man gehen will bzw. gegangen ist. Gela, mit der sich Tom unterhält, scheint resigniert: „Ich bin schon lange an keiner Abzweigung mehr vorbeigekommen.“
Tom und Gela sind gesund. Ihre jeweiligen Partner unheilbar krank, von den deutschen Ärzten aufgegeben. Rikka, Toms Freundin, und Bock, Gelas Lebensgefährte, erhoffen sich trotzdem Heilung. Wenn es ums Leben geht, vertrauen selbst abgeklärte Westler auf übersinnliche Kräfte. Sie gehen auf eine Art Wallfahrt in die Südsee. Ein Wunderheiler auf der philippinischen Insel Luzon soll es richten. Bon Sato, ein früherer Anwalt, hat nach einem Erweckungserlebnis Heilkräfte in sich entdeckt und verdient sich mit der Hoffnung auf Erlösung Reichtümer. Mit Operationen ohne Skalpell, aber mit viel „Blutsauerei“ und geheimnisvollen Praktiken gaukelt er den verzweifelten Westlern Erfolge vor. Denn „[w]er nicht an den Himmel glaubt, dem rennt die Zeit davon“, erkennt Tom.
Die Zeremonie findet in einem aufgelassenen Zoo statt. Eine Kapelle mit allerlei multi-religiösem Nippes dient als esoterischer Überbau. Die Behandlung selbst wird in einer Art Waschküche zelebriert. Filmen gestattet. Ott erzählt all das äußerst plastisch – auch die anderen Schauplätze dort, von der Bushaltestelle bis zu den seelenlosen Blechhüttensiedlungen, dem unberührten Sandstrand, den Menschen, die den vier Heil(ung)-Suchenden begegnen.
Im Mittelpunkt aber stehen die zwei mittelalten Paare, die schon lange keine Abzweigung mehr gesehen haben (siehe oben). Bock, ein abgehalfterter Theaterregisseur, selbstverliebt, rücksichtslos und starrsinnig. Gela, die zwar keine Zukunft mehr mit ihm sieht, ihn aber nach 20 Jahren nicht verlassen kann. Tom, dem es mit seiner todkranken Freundin Rikka ähnlich geht.
Ott zeichnet die Situation auf Luzon und die Lebensgeschichten der vier Figuren abwechselnd aus deren Perspektive nach. Mit all den Gemeinheiten, die sich Paare ihr Leben lang leisten. Seine Sicht ist mitunter ironisch, aber immer menschenfreundlich. Nur dem cholerischen Bock gegenüber scheint er kaum Sympathien zu hegen. Für den ist alles Theater, selbst die Kreuzigungen, die er sich am Karfreitag in San Fernando anschauen will, dienen ihm nur als Vorlage für das Welttheater, das er als krönendes Werk seiner Laufbahn in Konstanz vor dem Münster noch aufzuführen gedenkt.
Heilung? Eher nicht. Neue Abzweigungen? Vielleicht. Tod? Ganz bestimmt. Dennoch kein todtrauriger Roman. Toll komponiert. Farbig erzählt. Schwäbische Alb und philippinisches Hochland. Karfreitagsliturgie und Ostermette. Krähende Hähne und Hahnenkämpfe. Regietheater und Religion.
Eine intensive Lese-Erfahrung!

Ich danke dem Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.
Hintergrundbild: www.bertberger.de

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