Tan Twan Eng: The House of Doors

Ich hab’s mir aufgehoben, bis ich selbst in den Tropen bin, wollte die Landschaft im Roman zumindest ansatzweise erahnen. Denn die Atmosphäre der tropischen Landschaft ist in Tan Twan Engs Roman enorm wichtig. Feuchte Schwüle, das Rauschen des Indischen Ozeans, tropische Flora (der Kasuarinenbaum vor dem Haus der Protagonistin, Banyanbaum und Tempelbaum auf dem Friedhof in Kuala Lumpur, der Duft von Frangipani).

„On the verandah he fixed himself an ice-cold martini and sipped  it in the shade of the casiarina tree. It was just past noon, that time of the day when the wind swelling off the sea seemed to have been transmuted into the hot, searing light itself, but even in the full flood of the midday sun the casuarina’s foliage had a brooding, corvine aspect.“

1947: Die verwitwete Lesley Hamlyn wohnt seit vielen Jahren in Südafrika, als sie ein Paket ohne Absender erhält – darin ein Band mit Erzählungen Somerset Maughams. Sie kennt das Buch sehr gut.  Doch der bekannte Umschlag ist leicht verändert:

„Printed underneath the title was the arcane-looking glyph Maugham placed in all of his books. This particular one, however, was slightly different.“

Mit diesem immer wieder auftauchenden Dingsymbol beginnen die Erinnerungen Lesleys, die sie ins koloniale British-Malaya, auf die Insel Penang und in die Jahre 1910 und 1921 zurückversetzen. Mehrere Erzählstränge überlagern sich. Es gibt die Geschichte der Ehe Lesleys mit dem Anwalt Robert Hamlyn, eine Beziehung, die nach der Geburt der beiden Kinder wie abgestorben scheint. Als Roberts alter Freund William Somerset Maugham 1921 Station in Südostasien macht, lädt Robert den berühmten Schriftsteller mitsamt dem mitreisenden Sekretär und heimlichen Lebensgefährten Gerald ein, zwei Wochen bei ihnen zu verbringen. Im Lauf des Besuchs kommen sich Lesley und Maugham näher. Sie vertraut ihm nicht nur die Geschichte ihrer Ehe an, sondern auch die Geschichte ihrer Freundin, einer verurteilten und begnadigten Mörderin. Der fiktionalen Darstellung liegt ein wahrer Kriminalfall aus dem Jahr 1911 zugrunde. Ethel Proudlock erschoss einen Briten, den sie der versuchten Vergewaltigung bezichtigte.Es war die erste Verurteilung einer Britin in den britischen Kolonien und wirbelte entsprechend viel Staub auf. Maugham verwendete des Stoff dann tatsächlich in seiner Erzählung „The Letter“ (1924).

Warum erzählt Lesley  ihm ihre sehr persönliche Geschichte, wenn sie doch weiß, dass er Beziehungsbrüche, Skandale, die ihm  zu  Ohren kommen, gern in seinen Erzählungen veröffentlicht? Es ist eine Art Befreiungstat für sie, nach Jahren der Sprachlosigkeit „Let him know it. Let the whole world know.“

Aus zwei verschiedenen Perspektiven, die nicht immer ganz deckungsgleich sind, blickt der Autor auf das Geschehen. Sowohl in Lesleys Ich-Erzählstrang als auch in den mit „Willie“ überschriebenen Teilen in der dritten Person beeindruckt die plastische Darstellung der scheinheiligen, rassistischen und homophoben britischen Kolonialgesellschaft, die Unterdrückung der asiatischen Bevölkerung, Einblicke in die Geschichte Penangs, die chinesische Freiheitsbewegung Sun Yat-sens. Der malaysische Autor kennt die Geschichte seiner Heimat sehr genau. Viel Stoff für dreihundert Seiten! Aber trotzdem nicht überladen, sondern fein verwoben.

Neben den glaubhaften Figuren fasziniert vor allem die Atmosphäre des Romans.

Ein Buch mit vielen Geschichten und Spiegelungen. Ein Buch übers Geschichten-Erzählen und Erinnern, zwischen Fakten und Fiktionen. Metafiktion und Künstlerroman über Somerset Maugham.

„The House of Doors is about many things, but at the heart of it all, it is really about the acts of creation: how Maugham had come to hear about the trial, and how he had transmuted it into his story. It’s about the power of stories, how they can transcend cultures and borders, transcend even time itself.“ (Tan Twan Eng)

Vielleicht mal Sommerset Maugham lesen? Oder nach Penang reisen?

2023 auf der Longlist des Booker Prize. Deutsch bei Dumont.

Hinterlasse einen Kommentar