Megan Hunter: Tage des Lichts

Sechs Kapitel, sechs Tage im Leben einer Frau. Der erste und folgenschwerste ist der Ostersonntag 1938. Da ist Ivy 19.  Am Ostersonntag 1999 endet die Handlung. Ivy ist 80 Jahre alt.

Sie wächst auf in einer wohlhabenden englischen Künstler-Familie auf dem Land. Die Mutter Marina ist Malerin, ihr Lebensgefährte Angus ein noch berühmterer Maler als sie, mit wechselnden Liebhabern. Einen davon, genannt Bear, heiratet Ivy später. Daneben gibt es noch ihren Vater Gilbert, der seine Frau und seine beiden Kinder zwar verlassen hat, aber nicht aus dem Leben der Patchworkfamilie verschwunden ist. Diese Familienkonstellation hat die Autorin lose in vielen Details an die der Jugend von Angelica Garnett angelehnt, der Tochter der Malerin Vanessa Bell (Schwester Virginia Woolfs) und des Malers Duncan Grant.

“Each generation of women defines themselves by and against their mothers, and for Angelica this was especially fraught and complex: what did it mean, to be the child of an artist? And how did this shape the course of one’s life?” (Megan Hunter)

Auch der Handlungsort, das fiktive Cressington im Roman, ähnelt dem Haus Vanessa Bells in Charleston (Sussex). Für die Zeichnung der Atmosphäre des Bohème-Lebens zwischen den Kriegen hat sie sich von Garnett und Virginia Woolf inspirieren lassen. Viel Liebe zur Beschreibung von alltäglichen Details ist spürbar. Für den Empfang der Gäste werden Blumen arrangiert, das zu trockene Lamm wird „mit Nachsicht und jeder Menge Bratensoße verspeist“.

„Nach dem Mittagessen zog sich die Tischgesellschaft an einen schattigen Tisch im Garten zurück, um Kaffee zu trinken. Angus rührte wild mit seinem Löffel in der Tasse und wanderte alle paar Minuten mit dem Blick zur Glastür des Ateliers. Schon bald, das wusste Ivy, würde er sich wie selbstverständlich von der Gruppe lösen, würde hinüber zu seinen Gemälden schlendern, als spürte er Marinas Blick auf seinem Rücken nicht, ihre zuckende Duldung der Gäste und ihr eigenes, nur schwerlich unterdrücktes Verlangen, zu malen.“

Ivy beobachtet alle und fühlt sich selbst leer, möchte verschwinden zwischen den Dingen, ein Baum werden. Sie träumt, hat keinen Blick auf die Zukunft. Ein durchscheinender Charakter. Man erwartet von ihr, etwas Besonderes zu werden, Künstlerin natürlich „angesichts der Familie, aus der sie stammte“. Allerdings hat sie die Erwartungen der Familie bisher enttäuscht. Eine höhere Schulbildung ist für sie nicht vorgesehen. Ihr geliebter Bruder Joseph darf selbstverständlich in Oxford studieren. Der „wusste, wie man lebte“. Sie bewundert ihn über alle Maßen. An diesem Ostersonntag erwartet er seine Verlobte. Als sie sehr verspätet eintrifft, fühlt Ivy sich sofort zu ihr hingezogen. Irgendwann sind die Gäste gegangen. Übermütig entschließen sich Joseph und ihr Ivy im eiskalten Fluss schwimmen zu gehen. Und dann passiert das Unglück, das Ivy ihr Leben lang nicht verarbeiten kann. Joseph verschwindet im Wasser und wird nicht mehr gefunden. Sie fühlt sich schuldig, ihn nicht gerettet zu haben.

Das ist die Ausgangssituation für die folgenden im Roman beschriebenen fünf Tage im Leben von Ivy. Sie weiß lange nicht, wo sie sich zugehörig fühlen soll, rutscht in Lebenssituationen hinein, ohne sich bewusst zu entscheiden. Selbst die Spiritualität, die eine große Rolle in ihrem Leben spielt, entdeckt sie eher zufällig. Dieser bedeutende Strang des Romans ist autobiographisch getönt, wie die Autorin selbst schreibt:

“Some of the turns of my own history—particularly a decision to train for ordination in the Anglican church in my twenties, and then to leave that training—began to enter the book in new and transformed ways. I found myself writing about faith, and the place for this alongside art. I found myself writing about love—new and old, about the way people’s needs and desires can change across a lifetime.” (Megan Hunter)

Der Roman entwickelt in den ersten beiden Kapiteln einen starken Sog (der später leider etwas ausdünnt). Die personale Erzählweise entlang Ivys Beobachtungen anderer Menschen, der Natur, ihrer Gedanken und Gefühle ist eindrucksvoll. Zuweilen ist mir die Metaphorik aber zu dick aufgetragen. Und die Betonung christlicher Spiritualität kann mich nicht packen. Andere vielleicht schon

Übersetzt von Judith Schwaab. Erschienen bei C.H. Beck (ET 30.1.26). Ich danke herzlich für das Leseexemplar.

Hintergrundbild: Bert Berger – Ophelia’s fate/6 Water

Auch lesenswert: die Beschreibung der schwierigen Kindheit und Jugend Angelica Garnetts: „Freundliche Täuschungen. Eine Kindheit in Bloomsbury“. Wagenbach, 1990.

Eine Antwort

  1. Avatar von Zwischendurch … – Kultursalon

    […] Ich bin in England geblieben: „Tage des Lichts“ von Megan Hunter. Ein durchwachsenes Leseerlebnis. Rezension hier. […]

Hinterlasse einen Kommentar