Direktor Kleeberger will vor allem Ruhe. Nichts soll die Gäste, das Leben überhaupt stören. Und dann muss er von Max Planck, einem prominenten Gast seines altehrwürdigen Etablissements, erfahren, dass es keine absolute Ruhe gibt, dass sie nur „im Vergleich zu etwas anderem“ herrscht. Außerdem sei leider die Gleichzeitigkeit verloren gegangen, erklärt Einstein, ein anderer Gast seines Hotels, dem Direktor:
„Eigentlich ist das aber gar nicht so kompliziert. Denken Sie sich zwei Kirchtürme, die zur vollen Stunde die Glocke läuten. Jemand, der genau zwischen den Türmen steht, hört die Schläge gleichzeitig, Für jemanden, der näher an dem einen Turm steht, erklingt dessen Glocke früher. Für jemanden an dem anderen Turm ist das genau umgekehrt. Wer von den dreien hat also recht?“
Der alte Kleeberger ist konsterniert, dass sein Ideal, „das hohe Gut der Ruhe“, nach dem er sein Hotel, ja sein Leben ausgerichtet hat, nun relativ scheint: Woran sollten wir uns sonst festhalten?“ Die Anpassungsleistung, die er zu gewärtigen hat, verlangt ihm einiges ab und bringt sein Hotel an den Rand des Ruins. Und alles fängt mit einer simplen Beschwerde an.
Davon erzählt Daniel Mellem ebenso erfrischend wie kurzweilig in seinem Hotelroman. Es ist 1920. Im hessischen Bad Nauheim soll die große Tagung der deutschen Naturforscher stattfinden. Über 2600 Teilnehmer sind angemeldet, darunter viele Nobelpreisträger. Max Planck ist darunter und auch Philipp Lenard, der die Theorien Albert Einsteins vollkommen ablehnt. Im Wartesaal zum Badehaus 8 soll es zum Disput zwischen den beiden Antipoden der Physik kommen, leider nicht in den mit Sole gefüllten Wannen des Kurbades, wie Max Planck scherzhaft anmerkt.
„So standen sich die beiden Kontrahenten in einigen Metern Entfernung regungslos gegenüber – in einer Haltung, in der man zu früheren Zeiten in einem Duell Satisfaktion gefordert hatte.“
Aber das ist noch nicht der dramatische Höhepunkt, zu dem der Autor die Handlung leitet. Die Ereignisse im „Rastenden Kranich“ beginnen sich nach Ankunft des Gegenspielers von Einstein zu überstürzen. Die Ruhe das Hoteliers ist hin, sein Herz ist schwer. Er verabscheut Dissonanzen und versucht mit allen Mitteln zu helfen, zu schlichten, zu beruhigen. Dass es da nichts zu übertünchen gibt, merkt er spät. Da ist das Kuddelmuddel, in das er sich selbst hineinmanövriert hat, kaum mehr aufzulösen.
Mellem erzählt die Geschichte ganz aus der Sicht und in der Diktion des 68-Jährigen, dem die Tradition des Hotels und der Bestand ewiggültiger Gesetze über alles gehen. Weil aber auch im Kurbad das zwanzigste Jahrhundert angekommen ist und die Welt sich plötzlich schneller zu drehen scheint als bisher, muss auch Kleeberger festsitzende Grundsätze über den Haufen werfen. Sein stetes Bemühen um das Wohl seiner Gäste bringt ihn in arge Bedrängnis.
Nicht nur die nobelpreis-gewürdigten Berühmtheiten Planck, Einstein und Lenard bevölkern das Hotel und werden als Menschen lebendig. Vom Autor frei erfundene Charaktere sind ebenso bedeutsam für die dramatischen Entwicklungen: Eine resolute Dame, die sich „Madame“ nennen lässt und kein Blatt vor den Mund nimmt, kommt jedes Jahr in den „Kranich“ und ins Kurbad, um für ein paar Wochen ihrem Ehemann zu entfliehen. Sie wirft dann gern einen Blick auf jüngere Herren und trinkt ein Gläschen Wein mehr, als ihr guttut. Ein altes Ehepaar, das vor allem dauernd etwas auszusetzen hat, wird in entscheidenden Augenblicken nicht ernst genommen. Eine Hauswirtschafterin ringt sich durch zu kündigen und ihrem Chef ein paar Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Und eine sehr zarte Liebesgeschichte gibt es obendrein.
Im Hintergrund und nicht nur zu erahnen wabert der Antisemitismus der wenig später sogenannten „deutschen Physik“, deren Aushängeschild Philipp Lenard ist. Die dunklen Wolken sind schon deutlich zu erkennen.
Warum hat mir der Roman so ausnehmend gut gefallen? Er verpackt das Schwere in eine so leichte Hülle. Er geht so liebevoll mit seinen Charakteren um (vielleicht abgesehen von Lenard). Er trifft den Ton der Zeit und der Menschen.
Ein großes Vergnügen! Dazu muss man auch weder die spezielle noch die allgemeine Relativitätstheorie verstehen.
Hintergrundbilder: CC Wikimedia Commons (Sprudelhof Bad Nauheim by Immanuel Giel)

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