Federica Manzon: Alma

„Alles hängt von der Geographie ab, nicht von der Geschichte.“ Das behauptet jedenfalls der Vater der Protagonistin und begründet seine Auffassung ihr gegenüber so: „Weil die Vergangenheit wie ein Stein ist, den man dir ans Fußgelenk kettet. Je schwerer er ist, oder je mehr Steine an deinen Füßen hängen, desto schwerer fällt es dir, hinauszuschwimmen.“ Der Grundsatz ist das Ergebnis seiner niederdrückende Erfahrung als Grenzgänger zwischen zwei Welten, zwischen Italien und dem Jugoslawien Titos. Seiner Tochter verweigert er aber mit diesen Ansichten, dem Mysterium, das seine Person umgibt, eine eigene Identität.

Federica Manzon erzählt in ihrem Roman von Alma, die im Triest der 1970er Jahre mit einem slawischen Vater aufwächst, der nicht erzählt, woher er kommt und wohin er geht, wenn er die Familie immer wieder auf längere Zeit verlässt. Halt findet sie bei den Großeltern mütterlicherseits, einem Intellektuellenpaar, das die habsburgische Geschichte der Stadt hochhält. Mit dem Großvater, einem bekannten Germanisten, sitzt sie im berühmten Caffè San Marco. Mit ihm liest sie die „Zeit“. Ihre Mutter hat ganz im Sinn ihres Mannes mit ihren Wurzeln gebrochen und den Kontakt mit den Eltern abgebrochen. Sie arbeitet in der offenen Psychiatrie Franco Basaglias und kümmert sich wenig um ihre Tochter. Die sucht Halt und findet ihn nicht – zwischen den Sprachen, die sie spricht, zwischen den Kulturen und Systemen, die in der Stadt aufeinandertreffen.

Der Geschichte kann man in diesem Roman allerdings nicht ausweichen. Schon die Stadt an der Ostgrenze Italiens, in der der Roman spielt, ist voll davon. Der Großvater nimmt sie auf seinen Stadtwanderungen mit zu den Friedhöfen, dem ehemaligen Konzentrationslager, dessen Existenz man im Nachhinein auch verleugnen wollte. Sie lungert als Jugendliche im alten Hafen der Stadt herum, wo die Habseligkeiten der italienischen Exilanten aus Jugoslawien lagern (vgl. Bild). Und sie wird selbst Teil der europäischen Geschichte, als sie ihr Vater auf Titos Ferieninsel Brijuni mitnimmt, wo sie als junge Pionierin mit jugoslawischen Kindern spielt und eine beinahe unbeschwerte Zeit verbringt, wären da nicht die dunklen Schatten. Was macht ihr Vater da eigentlich? Wird er bedroht? Sie weiß es nicht. Er erzählt kaum etwas. Irgendwann bringt er einen gleichaltrigen Jungen mit nach Hause. Er soll bei ihnen bleiben. Bei den Eltern in Jugoslawien gehe das nicht mehr, lautet die unbestimmte Auskunft. Die Freundschaft, später die Liebe zwischen Alma und Vili bestimmen lange Zeit Almas Leben. Auch Vili ist wurzellos und auf der Suche. Irgendwann sind die beiden im Zentrum der Kriege der 90er Jahre.

Erzählt wird ihre Geschichte aus der Rückschau, fokussiert auf die Protagonistin. Die Journalistin Alma kehrt nach langer Abwesenheit widerwillig in ihre Heimatstadt zurück, um das Erbe ihres verstorbenen Vaters entgegenzunehmen. Ausgerechnet von Vili, dem Mann, den sie nie mehr wiedersehen wollte.

Europäische Geschichte aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel. Ein Roman über das Fremdsein, das Nicht-Dazugehören. Lesenswert.

Von mir Abstriche für den verschlungenen Satzbau, der das Lesen unnötig erschwert (wobei ich nicht weiß, ob das nur der deutschen Übersetzung geschuldet ist). Das Ende enttäuscht etwas.

In Italien 2024 bei Feltrinelli erschienen. 2026 deutsch beim Pfaueninsel Verlag. Übersetzt von Verena von Koskull. Erscheinungstermin: 2.3.26

Gewonnen bei www.vorablesen.de und dem Pfaueninselverlag

Bildhintergrund: Magazzino 18 Triest

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