Eine irische Geschichte in England
Sie beginnt in Waterford im Südosten Irlands und erfährt ihren dramatischen Höhepunkt im Londoner Südosten. Die irische Autorin Megan Nolan hüllt die Geschichte einer dysfunktionalen irischen Familie ein in eine Erzählung über den reißerischen Sensationsjournalismus. Der, wie man weiß, sogar über Leichen geht.
Der aufstrebende junge Journalist Tom Hargreaves arbeitet Anfang der 90er Jahre beim Londoner Daily Herald (einer berüchtigten Boulevardzeitung). Er erfährt zufällig vom Verschwinden eines dreijährigen Mädchens in einer Südlondoner Sozialsiedlung. Sofort wittert er seine Chance für eine Aufsehen erregende Reportage. Das Kind wird nach kurzer Zeit tot neben Mülltonnen im Hof der Anlage gefunden. Sehr schnell wird ein anderes Kind verdächtigt, etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun zu haben. Die zehnjährige Lucy Green ist die Tochter der alleinerziehenden Carmel. Eine „asoziale“ Familie in den Augen der tratschenden Nachbarn, die dem Reporter bereitwillig Auskunft geben. Schließlich seien das ja irische Sozialschmarotzer. Eine Portion Rassismus ist also immer dabei. Wichtiger aber als die Story über den scheinbaren Kriminalfall ist die Geschichte der Familie Green, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird.
„I consider it to be a portrait of this family, the Greens, and we go back in time with them into their past in Ireland and try to figure out why they have become so silent and so removed from one another and try to understand how this unhappiness is spread through the generations.” (Megan Nolan)
Der Vater der Familie kann die privaten und beruflichen Demütigungen in seinem Leben nicht verwinden und kapselt sich ab. Der Sohn Richard sucht Nähe und findet sie nicht, landet im Alkoholismus. Die Tochter Carmel wird mit 16 schwanger, verleugnet ihren Zustand, bis es zu spät ist, um Maßnahmen zu ergreifen, und kann keine Beziehung zu ihrer Tochter herstellen. Die Mutter ist die einzige Person, die Warmherzigkeit in die Familie bringen kann, sie stirbt früh. Eine irische Geschichte wie so viele. Real und bedrückend.
Wie Richard langsam in den Alkoholismus abdriftet, ist herausragend beschrieben: seine Schwäche, seine Ausreden, seine vergeblichen Versuche aufzustehen. Ebenso die Geschichte Carmels: ihre erste Liebe, die ungewollte Schwangerschaft, die Verleugnung ihres Zustands, die Flucht vor der gesellschaftlichen Schande in Irland, die Hoffnungslosigkeit, das Zurückträumen zu den paar schönen Momenten ihres Lebens.
Der Werdegang des kaum mit Skrupeln behafteten, zynischen Klatschreporters, der in den Schlüsselszenen des Romans die Familie aushorchen soll, um Material für eine Story zu bekommen, ist am wenigsten ausgearbeitet. 253 Seiten sind für so viel Drama und Entwicklung vielleicht einfach nicht genug. Er begreift nicht, dass es da kein Geheimnis gibt, das er hätte sensationsgierig aufdecken können: „Das Geheimnis ist, dass wir eine ganz gewöhnliche Familie sind, mit ganz gewöhnlichen kleinen Schwächen, genau wie deine eigene“, belehrt ihn Carmel. Da weitet sich die Geschichte nun auch ganz explizit zu einem gesamtgesellschaftlichen Bild der Zeit zwischen 1980 und 1990 in Irland und England. Glücklicherweise endet der Roman nicht im Trübsinn.
Ein Buch, das man nicht wegen ausgefeilter sprachlicher Schönheit liest, sondern wegen der eindringlichen Darstellung der Familientragödie der Greens. Der Sprachstil Nolans ist nüchtern, ihre Haltung gegenüber der Familie einfühlsam. Sie erzählt aus verschiedenen Perspektiven, was passieren kann, wenn die Verständigung untereinander verebbt, wenn Sprachlosigkeit und Einsamkeit zur Ausweglosigkeit werden.
Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Ochel.
Dank an den Kjona Verlag und Kirchner Kommunikation für das Rezensionsexemplar!

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