R. C. Sherriff: Vor uns die Zeit

Eine Londoner Vorstadt im Jahr 1924. Mr und Mrs Baldwin treten in eine neue Lebensphase ein.

„Wenn ein Mann in Ruhestand geht und die Zeit keine vordringliche Rolle mehr spielt, schenken ihm seine Kollegen in der Regel eine Uhr. Die ungewollte Ironie wird jedoch aufgewogen durch eine ebenso ungewollte Angemessenheit, denn obwohl ein Mann im Ruhestand nicht länger von Stunden und Minuten regiert wird, will er nun ständig wissen, wie spät es ist.“

Warum nur? Er hat doch jetzt mindestens zwölf Stunden zur freien Verfügung statt vier. Aber genau das ist das Problem. Was anfangen mit der Zeit? Die Uhr übrigens hat so ihre Tücken. Sie findet keinen richtigen Platz im Haushalt von Mr und Mrs Baldwin. Noch dazu scheint sie „bei Nacht wie Grillen lauter [zu] werden. Ins Handtuch eingewickelt wird sie dann im Kleiderschrank verstaut. Sie ist sowieso eine Enttäuschung. Zu billig. Die alten Kollegen hätten ruhig noch ein paar Shilling drauflegen können. Ganz ohne Groll geht er also nicht in den Ruhestand. Mit 58 wohlgemerkt und nach einer etwas abgestandenen Abschiedsrede des Chefs der Versicherung, bei der er gearbeitet hat.  Jetzt will er endlich Großes leisten, aber Angst hat er auch. Gerade hat er von der „Tragödie des Ruhestands“ in der Zeitung gelesen: Ein pensionierter Beamter habe sich angesichts der Leere in seinem Leben umgebracht. So nicht, denkt Mr. Baldwin, und nimmt sich fest vor, den vernachlässigten Garten auf Vordermann zu bringen, die mehrbändige englische Geschichte in seinem Bücherregal endlich mal zu lesen, vielleicht ein paar interessante Vorträge zum Thema vorzubereiten …

Mrs Baldwin hat auch Angst. 24 Stunden Anwesenheit ihres Mannes. Noch schlimmer: Er setzt sich einfach so in den Sessel, in dem sie ihr Mittagsschläfchen zu halten pflegt.

Kurz: Die Dinge liegen im Argen. Man beginnt sich zu streiten. Die Gartenarbeit verspricht nicht den erwarteten Lustgewinn. Mr Baldwins Versuche, einen Verlag für seine populärgeschichtlichen Ausführungen zu finden, erweisen sich als vergeblich. Mrs Baldwin versucht ihr Möglichstes, dem Gatten Zukunftshoffnung zu geben. Und tatsächlich gelingt es ihr schließlich.

„Nicht zum ersten Mal in der Geschichte erlebte ein Mann, wie sich sein Schicksal neu belebte durch ein Glas Sherry auf leeren Magen zum rechten Augenblick.“

R. C. Sherriff hat den Roman 1936 veröffentlicht. Der hat natürlich etwas Patina angesetzt. Und spannungsgeladen kann man die Geschichte nicht nennen. Freunde des langsamen Erzählens kann er dennoch begeistern. Sherriff erzählt mit so viel Liebe zum Detail, mit so viel Verständnis für die Sorgen des pensionierten Versicherungsangestellten, dass der Pensionist der Leserin bald ans Herz gewachsen ist – trotz seiner selbstherrlichen, ein wenig bornierten Art, mit seinen Mitmenschen umzugehen.

Der Plot hält nur eine überraschende Wendung bereit: Das Ehepaar findet durch eine wagemutige Entscheidung aus der Misere heraus.

„Dringend! Nichts in Mr Baldwins Leben war während der letzten knapp zwei Jahre dringend gewesen. Es war eine großartige Vorstellung, etwas Dringendes zu tun zu haben.“

Dem Autor geht es um die Ecken und Kanten der Figur, deren Überlegungen, Entscheidungen, die inneren Konflikte. Der Alltag und die kleinen Dinge interessieren ihn. Ein bisschen englische Sozialgeschichte bekommt man beiläufig auch geliefert.

Bei all dem Lesevergnügen ist das etwas eigenartige, aufgesetzte und zu schmalzige Ende zu verschmerzen, in dem ein vorher nicht involvierter Erzähler nach Jahren die Baldwins besucht und über ihr Fortkommen berichtet.

Wenn man den Vorgänger „Zwei Wochen am Meer“ (1931) gelesen hat, mag man sich an den herrlich schrulligen Mr Stevens erinnert fühlen. Rainer Moritz, der den Roman übersetzt und ein biographisches und werkgeschichtliches Nachwort geschrieben hat, denkt bei dem dargestellten Ehepaar Baldwin auch an Loriots Ehepaar in „Papa ante portas“.  Doch satirisch ist Sherriff nicht. Dafür leise ironisch und ungemein vergnüglich.

„Alles war so harmonisch und so cremefarben, dass Mr Baldwin nicht umhinkam, zu bedauern, dass es keine cremefarbenen Kohlen gab.“

Ein Buch für alle, die den Ruhestand noch vor sich haben und für die, die schon mittendrin sind. Also für alle.

Dank an den Unionsverlag für das Leseexemplar!

Hintergrundbild: Camille Pissaro: Jalais Hill, Pontoise (CC Commons)

Besprechung des Vorgängerromans „Zwei Wochen am Meer“ hier.

Eine Antwort

  1. Avatar von Jürg Beeler: Josef Lautenbachers Reise nach Flätz – Kultursalon

    […] dem Versicherungsangestellten Mr Baldwin aus der Londoner Vorstadt (R. C. Sherriff, Besprechung hier) geht auch der Schweizer Buchhändler Josef Lautenbacher in den Ruhestand. Während Baldwin seine […]

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