Großartig erzählt. Oft schlimme, herzerschütternde Bilder und Szenen, manchmal nur in Andeutungen. Ein Denkmal für die Frauen, die während des Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit verrichten mussten.
Als alte Frau reist Nelka aus der Ukraine zurück auf den norddeutschen Gutshof, auf den sie verschleppt wurde. Sie trifft dort nur noch auf den Verwalter von damals:
„In diesem Moment trifft ihn Nelkas Blick. Auch wenn sie schweigt, ist ihm, als antwortete sie doch auf seine Frage, warum sie hergekommen ist: nicht um deinetwillen.“
Sie muss sich erinnern, um die Bilder, die sie verfolgen, auf diese Weise zu bannen. Er muss sich erinnern, damit Nelka das Erlebte zurücklassen kann.
Damals, als Lemberg gerade polnisch ist, lebt sie zusammen mit ihrem deutschstämmigen Vater und der jüdischen Mutter in der Vielvölkerstadt Lemberg. Der Vater, ein Apfelforscher, bringt der Tochter alles bei, was er über Äpfel und Apfelbäume weiß – auf deutsch.
„Sicher wäre auch Nelka Baumwärterin geworden. Aber nichts im Leben ist sicher. Glaubte man an die Vorteile des Friedens, tat sich im nächsten Moment ein Gelangweilter, ein Gieriger, ein Revolutionär, ein Faschist oder ein sonst wie gearteter Aggressor hervor.“
Im Fall der sechzehnjährigen Nelka sind das die Nazis, die sie mit tausenden anderen zur Zwangsarbeit auf ein Gut in Schleswig-Holstein verschleppen, wo sie das Grauen erlebt:
„Der Verwalter ist einige Jahre älter als sie, einen Kopf größer, und laut hiesiger Vorstellung oder Verordnung ein Mensch. Nelka ist laut hiesiger Vorstellung etwas anderes, was genau, weiß sie nicht, aber sicher ist es besser, diesen Menschen nicht zu reizen.“
Die Mädchen und Frauen aus den besetzten Gebieten sind Nutzobjekte. Mehr nicht. Nelka muss sich unter Schmerzen der Macht annähern, um andere zu schützen. „Er kann sie nicht haben, aber er kann sie gebrauchen.“ Besonders für die neue Idee, die er verfolgt, nachdem Nelka ihr pomologisches Wissen preisgegeben hat. (Nach dem Krieg wird er mit einer Apfelplantage reich.) Die Sache mit dem „Nicht-Haben-Können“, das Kontaktverbot, das „Rassenschande“ verhindern soll, verliert für ihn zunehmend an Dringlichkeit.
Svenja Leiber erzählt von der Rückkehr Nelkas und den Erinnerungen, die dabei aufflammen. Sie erzählt auch von dem Mann, der im Zentrum des Grauens stand, dem Verwalter Marten. Die Erzählstränge wechseln sich ab: Da ist das Mädchen, das gerade die erste Liebe erlebt hat und das Böse der Gegenwart mit ihren Erinnerungen an den geliebten Yasha verdrängt – bis auch diese Erinnerung ausgelöscht ist. Da ist auch der Verwalter, durchdrungen von der Ideologie der Herrenrasse und dem Gefühl, Macht über so viele Menschen zu besitzen. Alles verbrämt von der Notwendigkeit, das Land mit seinem Hof zu ernähren. Als Nelka lange nach dem Krieg vor seiner Tür steht, denkt er wie so viele Deutsche:
„Aber es gibt Dinge und Zeiten, in denen soll man nicht herumwühlen. Die sind Vergangenheit.“
Dennoch wühlt die Erinnerung auch in ihm und bereitet ihm Schmerzen. Von der Erkenntnis der eigenen Schuld ist er aber weit entfernt. Wie so viele Deutsche.
Ein Roman über die lebenswichtige Bedeutung von Erinnerung, aber auch über Mut, stärkende weibliche Solidarität, Freundschaft und Liebe.
Im Nachwort berichtet die Autorin über die biographischen Hintergründe ihres Romans.
Ein Lese-Highlight, vor allem auch wegen der feinfühligen Sprache, in der Svenja Leiber vom Schrecklichen erzählt.
Ich habe mich an die herausragenden Romane von Ralf Rothmann erinnert gefühlt, insbesondere an „Der Gott jenes Sommers“ (Suhrkamp, 2018).
Bildhintergrund: Ausschnitt aus „Apples in a basket“, Öl auf Leinwand, Bert Berger

Bei der eindrucksvollen Lesung in München erzählt Svenja Leiber auch von den Beweggründen und Anlässen für ihr Schreiben über Nelka: Da sei der Apfelbaum in ihrem Dorf, gepflanzt von französischen Zwangsarbeitern. Da sei die Begegnung mit ukrainischen Frauen, die vor dem Krieg flohen. Und da sei auch ihre Beschäftigung mit dem so fragwürdigen deutschen „Arbeitsethos“, das damals wie heute nicht den Menschen, sondern seinen Nutzen in den Vordergrund stellt.
Bild: Svenja Leiber bei der Lesung in der Seidlvilla in München am 24.2.26

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