Jürg Beeler: Josef Lautenbachers Reise nach Flätz

Nach dem Versicherungsangestellten Mr Baldwin aus der Londoner Vorstadt (R. C. Sherriff, Besprechung hier) geht auch der Schweizer Buchhändler Josef Lautenbacher in den Ruhestand. Während Baldwin seine Aufmerksamkeit dem Vorgarten widmen und die mehrbändige englische Geschichte in seinem Bücherregal akribisch durcharbeiten möchte, verfolgt Lautenbacher literarische Interessen:

„Für sein neues Leben hatte er sich einiges vorgenommen: das Gesamtwerk von Thomas Mann und Thomas Bernhard wollte er noch einmal lesen, die beiden Thomas waren ihm heilig.“

Klappt nicht. Klar. Bei beiden nicht.

Im Gegensatz zu Baldwin will Lautenbacher seiner Frau entkommen, „sie lebte einfach weiter, als wäre er gar nicht vorhanden, und dieser Gleichmut brachte ihn auf.“ Die Wohnung hat sie zu ihrer gemacht, er fühlt sich da als Fremdkörper. Wenn er die Spülmaschine einräumt, räumt sie das Geschirr danach wieder um. Ihre gut gemeinten Ratschläge eine sinnvolle Tätigkeit betreffend (wie im Haushalt helfen) schlägt er aus. Ein Griesgram, der mit dem Leben außerhalb seiner Buchhandlung nicht zurechtkommt. Der einzige Mensch, mit dem er sich über klassische Literatur und Philosophie austauschen konnte, ist verstorben. Seine Nachfolgerinnen in der Buchhandlung haben seine heilige Rückzugsstätte in ein Buchcafé verwandelt. Die verkaufen ja nun Kaffee und Kuchen an Kundinnen und Kunden, nicht richtige Bücher an Leserinnen und Leser (ein feiner, aber wichtiger Unterschied für Lautenbacher). Barbarisch, so sein Urteil über das Geschäft. Er strengt sich zwar manchmal an, eine ihm gänzlich fremde Welt zu begreifen, hat aber nicht immer Erfolg dabei. Der Supermarktbesuch mit der Gattin erweist sich als Fiasko, ein Fahrkartenkauf als äußerst schwierig. Seine Winkelzüge bei der Vorbereitung seiner „Reise“ verraten aber auch Witz.

Jürg Beeler erzählt durchweg aus der Perspektive Lautenbachers, was immer wieder für Komik sorgt. Er hat die kleine satirische Geschichte (103 Seiten) um die Ausbruchsversuche Lautenbachers in einer behäbigen schweizerischen Kleinstadt angesiedelt. Dort kann der Anti-Held Lautenbacher seiner Frau und den ehemaligen Kundinnen und Kunden kaum entkommen. Der einzige Zufluchtsort ist das Bahnhofbuffet in Nimmerach. In dessen wenig anheimelnder Umgebung schlägt er seine Zelte auf und versucht sich schriftstellerisch, dabei gerne ein wenig menschenfeindlich (vgl. Thomas Bernhard). Als die sorgenvolle Ehefrau mitsamt Sohn ihn auch dorthin „verfolgt“, nimmt er Reißaus und der Autor Anleihen bei Jean Paul: In der ersten Fassung des Abschiedsbriefs an seine Frau lässt er Lautenbacher schreiben, er fahre nach Flätz (vgl. Titel) und übernachte bei Madame Rollwenzel. Für Jean Paul war die „Rollwenzelei“ ein Rückzugsort zum Schreiben und „Die Reise nach Flätz“ eine seiner Geschichten. Spoiler: Im Gegensatz zu Jean Pauls Held Schmelzle kommt Lautenbacher dort nicht an.

Der kurze Roman ist ein satirisch überhöhtes Porträt eines weltfremden Mannes, der im letzten Lebensdrittel plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen ist. Eines Mannes wohlgemerkt. Frauen kann so etwas nicht passieren.

Zuweilen ist mir der Herr Lautenbacher ein bisschen zu arg weltfremd und die Gattin zu eindimensional gezeichnet (was natürlich an der Perspektive liegt) , aber amüsiert hat mich die Erzählung durchaus. Zur Aufheiterung geeignet. Nicht nur für Buchhändlerinnen und Buchhändler (mit und ohne Café).

Dem Knapp Verlag danke ich für das Rezensionsexemplar!

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