Zum Hotel „Vier Jahreszeiten“ reichts halt nicht und für „Sich abfinden und auf Wasser sehn“ (nach Gottfried Benn) ist es zu früh.
Ein Reiseroman voller Ironie und Komik. Der Witz mal hinter-, mal vordergründig. Zum lauthals Lachen, Kichern und sich am Ende wehmütig der portugiesischen Saudade Hingeben. Ein Roadtrip von Hannover nach Lissabon.
Mit viel mittelgutem Rioja aus dem Supermarkt, später portugiesischem Bier. Die zweiundvierzigjährige Buchhändlerin Carla erzählt ihrer etwa gleichaltrigen Freundin, einer Psychiaterin, an mehreren Abenden die Geschichte einer Reise, die erstere erlebt haben will und letztere plausibel nennt, mit einer Wahrheit, „die nichts mit kriminalistischer Überprüfbarkeit zu tun haben muss“.
Carla bringt dem vierundzwanzigjährigen Carlo aus der Nachbarschaft einen Brief, der sich zu ihr verirrt hat. Sie bohrt so lange nach, bis er ihr erzählt, er habe sich beim Portier eines Lissaboner Hotels nach der Adresse eines Zimmermädchens erkundigt, in das er sich bei einem Aufenthalt dort verliebt habe. Leider sei die Auskunft des Portiers unzureichend und damit enttäuschend gewesen. Ein paar Tage zuvor hat Carla die Bekanntschaft des Nachbarn Kramer aus dem obersten Stock ihres Mietshauses gemacht und erfahren, dass der einen uralten blauen Mercedes von seinem Onkel „geerbt“ hat. In ihr reift eine romantische Idee. Warum nicht mit einem spontanen Roadtrip nach Portugal dem jungen Carlo zu seiner Liebe verhelfen? (Und nebenbei was gegen die eigene Einsamkeit unternehmen?)
„Eben kommt es mir so vor, als müsste ich sterben, wenn wir das jetzt nicht machen. Als wäre ich längst zu alt für so was, aus Blödsinn und Fernweh mit ‚ner alten Kiste quer durch Europa, und als wär’s die letzte Gelegenheit. Wie noch mal ins Freibad einbrechen.“
Die abgebrochene Soziologiestudentin Carla, der abgebrochene Philosophiestudent Carlo und Kramer, der mittelalte abgebrochene Student der Kulturwissenschaften, sitzen kaum später in dem schrottreifen Auto und begeben sich von Hannover nach Lissabon. Unterwegs gabeln sie in Belgien noch eine alleinerziehende Schreinerin namens Rosalie auf.
„[U]nd unversehens schien es Carla auf kuriose Weise zugleich lächerlich und einleuchtend, das vier Leute, die so gut wie nichts voneinander wussten, jemanden suchten, von dem sie noch ein bisschen weniger wussten“.
Selbstverständlich ergeben sich auf der Reise gewisse zwischenmenschliche Komplikationen und dann „schwiegen sie wieder, als rührten sie in ihren Tassen, und die Autobahn sog sie südwestlich vorwärts, und niemand hatte Hunger und keiner musste mal, und die Strommasten waren aus Beton.“
Weil der Rahmen der Geschichte von Carlas Freundin und die Geschichte selbst von Carla erzählt werden, bleiben ein paar Geheimnisse: lose Fäden und vor sich selbst verborgene Sehnsüchte, vielleicht auch neue Anlässe, der Liebe nachzureisen. Jedenfalls hat Carla getan, was sie wollte, symbolisch „noch mal über den Freibadzaun klettern […], bevor ich‘s am Rücken kriege“.
Ein schöner Roman mit liebenswerten Figuren, denen ein Hang ins abstrus Lebensphilosophische innewohnt, mit spritzigen, albernen, rabulistischen Kneipen- und Auto-Dialogen, witzigen und aberwitzigen „Geistreicheleien“. Zwischen Eckhard Henscheid und Kurt Tucholsky. Ein paar Längen seien da verziehen. Schon allein wegen der Sprache, derer sich Gärtner befleißigt. Manche mögen sie prätentiös nennen, andere stilsicher und elegant. Durchsetzt mit Alltagsdeutsch in den Dialogen und literarischen Verweisen von Kästner bis Benn.
„Tschick“, aber in erwachsen?
Dem Literaturverlag Droschl und Kirchner Kommunikation danke ich herzlich für das Rezensionsexemplar.
„Langsame Tage, alles überwunden – dass Benn mal in Hannover war, merkt man.“
Hintergrundbild: Lissabon, 2017

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