Die Schriftstellerin Anna Gmeyner (1902 – 1991) war die Mutter der weithin bekannten Autorin Eva Ibbotson. In einem Interview mit dem Deutschlandradio (2006) sagt Ibbotson: „Ja, ich bewunderte meine Mutter sehr. Sie war eine sehr talentierte Schriftstellerin, viel talentierter als ich es bin. […] Sie arbeitete in Berlin mit vielen angesehenen Menschen: Brecht, Piscator, Kurt Weill, sie schrieb Texte für Hans Eisler. Sie bewegte sich in den Kreisen der Weimarer Republik.“ Für G. W. Pabst schrieb sie Drehbücher. Nach einem Aufenthalt in Paris kehrte sie 1933 nicht nach Berlin zurück. Ihre Bücher wurden verboten.

1932 wurde ihre sozialkritische satirische Tragikomödie „Automatenbüfett“ in Berlin uraufgeführt, ihr letztes Stück auf einer deutschen Bühne vor der Machtergreifung. Seit einigen Jahren ist es wieder auf den Spielplänen, in dieser Spielzeit im Marstall in München (Residenztheater).
Kleinstädtische Honoratioren fallen übereinander her, wenn die eigenen wirtschaftlichen Interessen unterzugehen drohen. Die Frau als Animation, Spielball und Mit-Täterin. Wenn der Männerbund zerfällt, ist die Frau schuld an allem. Gmeyner übt Kritik am Kapitalismus, am Mindset einer Generation, die kurz davor ist, dem Faschismus anheimzufallen. „Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann“. So alt, so aktuell. Im Marstall wird das titelgebende Schnellrestaurant mit einem riesigen schrägen Biertisch dargestellt, der nach und nach Risse bekommt. Die Figuren rutschen nach unten. Man/Mann wirft ganz buchstäblich mit Dreck, in dem alle am Ende auch landen.
Gmeyner ist mit Horvath und Fleißer verglichen worden. Die Ähnlichkeiten sind unübersehbar, nicht nur in der Bühnensprache: die Kritik am präfaschistischen Kleinbürger, am kapitalistischen System, an der Unterdrückung der Frau. Bei Horvath und Fleißer (in dieser Spielzeit am Volkstheater München mit der sehr schönen Inszenierung von „Pioniere in Ingolstadt“) scheint mir das noch gebündelter zu sein, kompakter als hier im „Automatenbüfett“. Dennoch ein sehenswertes Stück!
Im Exil in England schrieb Gmeyner den Roman „Manja“, der 1938 im Querido Verlag in Amsterdam erscheinen konnte. Erst 1984 wurde er im Persona Verlag wieder aufgelegt. Vor zwei Jahren habe ich ihn gelesen und sehr gemocht.
Der Roman dreht sich um fünf Kinder und ihre Familien, von der Zeugung der Kinder bis zum schrecklichen Ende der Freundschaft der vier Jungen und des Mädchens Manja im Jahr 1934. Die Familien bilden ein Panorama der Gesellschaft:

Es gibt die Proletarierfamilie mit dem arbeitslosen Vater, der sich den Kommunisten angeschlossen hat und verfolgt wird. Daneben eine Familie im kleinbürgerlichen Milieu, aus dem der Vater nach der Machtergreifung zum gefürchteten Nazifunktionär aufsteigt. Weiter die bettelarme jüdische Familie aus Polen – fast ganz ohne Vater, der sich, glücklos bei seinen kleinen Geschäften, früh aus dem Staub macht. Reich ist nur der überangepasste jüdische Bankier, dessen unglückliche Frau allerdings dem Wahnsinn verfallen ist. Aus der intellektuellen Mittelschicht gibt es die Familie eines Arztes, die den politischen Entwicklungen trotzen will. Alle Frauen und Kinder sind gesellschaftlich determiniert durch die Männer in der Familie, aber im Roman sind sie nicht zur Staffage bestimmt.
Es ist ein schönes und schreckliches Buch über eine Kinderfreundschaft, die dem Aufstieg der Nazis nicht standhalten kann. Gmeyner schreibt Szenen wie aus einem Film, beispielsweise über eine Versammlung von antisemitischen Möchtegern-Verschwörern in dem verrauchten Hinterzimmer einer Kneipe oder über Vorgänge im Unterricht der Kinder: Leibesvisitation wegen eines Taschendiebstahls, die beiden jüdischen Mädchen in der Judenbank selbstverständlich verdächtig, oder über ein Gespräch zwischen dem Arzt und dem schnell angepassten Klassenvorstand seines Sohnes. Vieles erinnert an Feuchtwanger.
Im Mittelpunkt stehen aber die Kinder und ihre Freundschaft. Gmeyner malt die Szenen an der Mauer, an der sie sich immer treffen, in lyrischen Bildern, die expressionistisch anmuten.
Schwer verdauliche Kost, aber wunderschön erzählt. Da macht es auch nichts, wenn die eine oder andere Nebenfigur recht klischeehaft daherkommt und Manja selbst ein bisschen zu gut und weise ist. Unbedingte Leseempfehlung!

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