Der Geliebte ist tot. Der Zurückbleibende schreibt einen Text über ihn, über die Beziehung, über das Kennenlernen, die Herkunft des einen und des anderen. Es ist eine Totenklage und die Erinnerung an ein gemeinsam verbrachtes Leben, eine literarisch gestaltete Biographie eines schwulen Lebens und einer Liebe in München.
„Ich bringe es nicht über mich, seine Telefonnummer zu löschen. Die Display-Auskunft gelöscht, das elektronische Geräusch wäre die Salve eines Hinrichtungskommandos. Man kann niemanden löschen.“
Aus dem Schmerz entsteht die Darstellung beider Leben, einer dreiundzwanzigjährigen Liebe und das Bild einer Ära bis zum Einbruch der tödlichen Krankheit: die 70er und frühen 80er Jahre – die heiteren, kreativen, promisken Zeiten, als München wieder einmal leuchtete. Das Datum des Knalls am Ende ist genau bezifferbar. AIDS zerreißt die Leben vieler. Die Todesgefahr schwebt über der Community.
„Wer von meinen Bekannten zu seinem dreißigsten Geburtstag eingeladen hatte, konnte davon ausgehen, dass es sein letzter war. Die Gäste würden ihm bald in den Tod folgen.“
Pleschinski wagt es jahrelang lang nicht, zum Arzt zu gehen, in Erwartung eines „positiven“ Ergebnisses – bis das Kreuzband reißt und eine Operation nötig ist.
Der „Unsichtbare“ vom Titel ist nicht verschwunden. Pleschinski hält immer wieder Zwiesprache und teilt seinen Lesern eine sehr persönliche Geschichte mit. Darf er das? „Ich denke, ich handle in Übereinstimmung mit jenen, mit denen ich zusammen war.“ Schließlich habe sein verstorbener Lebensgefährte, der einst bekannte Münchner Galerist Volker Kinnius, jeden Beweis der gemeinsamen Existenz aufbewahrt, jeden Fahrschein. Warum, wenn nicht für ein späteres Dokument?
Pleschinski erzählt von seiner ersten Liebe, der Jugend in Celle, mit großer Wärme und viel Witz von dem Zivildienst in einem Altenheim, in dem vorwiegend alte Adlige aus dem ehemals deutschen Osten ihre letzten Jahre verbrachten. Er lässt seine Anfänge in München wieder aufleben, die wilde Zeit mit einer Wiener Schauspielerin, die vielen schwulen Affären.
Er erzählt auch vom Aufwachsen des achtzehn Jahre älteren Geliebten in der Nachkriegszeit, von dessen Anfängen als Galerist, von Erfolg und Misserfolg, von der letzten Unternehmung: dem Ausstellungsprojekt für Werke des Malers Edgar Ende (des Bruders des Schriftstellers Michael Ende) und von Krankheit und Tod von Volker Kinnius.
Beim Kennenlernen und im Diskurs über das Theater Becketts besteht der junge Pleschinski darauf: „Man muss Geschichten erfinden, die über den Abgrund führen.“ Das hat er mit seinem Buch getan. Er hat das Schwere immer wieder mit Humor durchkreuzt.
Pleschinski hat seinen Text aus Selbstzeugnissen von Volker Kinnius, fiktiven Unterhaltungen mit dem Verstorbenen, Tagebucheinträgen, Dialogen und seinen Erinnerungen an die große Liebe sorgsam komponiert.
Das Buch ist erstmals 2002 im Carl Hanser Verlag erschienen und 2026 bei C. H. Beck mit einem Nachwort des Autors und einem Nachwort der Schriftstellerin Anja Kampmann versehen wieder aufgelegt worden.
Lesenswert für alle, die eine vergangene Ära in München besichtigen wollen, die über eine große schwule Liebe lesen wollen, und für alle Pleschinski-Leser sowieso.
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an den C. H. Beck Verlag!
Kleine Bemerkung am Rande: Im Text sind ein paar Fehler zu viel stehen geblieben.
Ganz anderes Thema, aber auch ein Buch mit einer interessanten schwulen Figur: der historische Roman „Der Flakon“ (2023) vom gleichen Autor, auch bei C. H. Beck. Vor drei Jahren gelesen und sehr gemocht. Sehr empfehlenswert ist dazu auch ein Spaziergang auf den Brühlschen Terrassen in Dresden. (Foto unten, 2024)


Fast ein Kriminalroman!
Jedenfalls bildet die Geschichte von der Planung eines Giftattentats auf Friedrich den Großen das Gerüst für das Buch.
Die Idee für den Anschlag hat Maria Anna Franziska Gräfin von Brühl, Gattin des sächsischen Ministers in Dresden. Es ist Krieg. Die Sachsen haben zwar jeden Soldaten mit einer Perücke ausgerüstet, aber das hilft nichts gegen die Übermacht der Preußen. Die Gräfin möchte Sachsen vor der gänzlichen Vernichtung durch Friedrich beschützen. Der sagt schließlich zu seinem Adjutanten: „Ich muss zerstören, was ich nicht haben kann.“ In Leipzig gibt es Proteste gegen die gewalttätige preußische Besatzung, eine Friedensandacht in der Nikolaikirche. Man skandiert die Parole „Wir sind Ein Volk“. Verschwörungstheorien machen die Runde. Die Stadt ist ein Zentrum der Gelehrsamkeit und der Aufklärung, Gellert und die Gottscheds werden gehört und gelesen, Klopstock verehrt.
Dorthin reist die Gräfin aus Dresden inkognito, mitsamt dem Fräulein von Barnhelm, Minnas Schwester. Sie fährt nicht in der gräflichen Kutsche, sondern mit der sächsischen Post, beschwerlich und abenteuerlich. Schließlich, so erfahren wir, ist die „häufigste Todesart auf Straßen […] der Stoß mit Kopf und Schläfe gegen eine Wagenwand“. Eine Plane schützt vor dem Wetter, die Füße wärmt eine Kohlenwanne. Immer wieder werden die Reisenden von einem Wandergesellen eingeholt, denn die Reise läuft über mehrere Haltepunkte für den Pferdewechsel. In der Kutsche begegnen sich Adel und Bürgertum: neben den beiden Damen zwei Bergbauingenieure auf dem Weg nach England, die Braumeistersgattin, die in Leipzig Geschäfte machen will, der schwule Leutnant von der Marwitz auf dem Weg zu Friedrich und andere wechselnde Mitreisende. In den Poststationen sitzen auch die Armen, um sich aufzuwärmen. Ein Arzt hält Sprechstunde. Schnell verstecken heißt es für die Reisenden, wenn der Elendszug der vertriebenen und ausgeraubten Sachsen die Allee passiert. Am Kreuzweg dann auch noch der Zug der von Maria Theresia vertriebenen Juden aus Prag.
Erfundene und historische Figuren, ganz viel Zeitgeschichte, verpackt in eine dramatische Handlung. Erzählt mit Ironie und Seitenhieben auf die gegenwärtigen Zeitläufte. Sehr unterhaltsame Lektüre für Geschichtsinteressierte!

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