Katerina Poladjan: Goldstrand

Leseeindruck ohne und mit Lektüreanleitung

a) Ohne. Eine Annäherung

Der Klappentext klingt hervorragend. Ganz Europa. Geschichte. Erinnerung. Auseinandersetzung. Der Anfang ist vielversprechend: 1922. Ein Schiff legt ab. Flüchtlinge aus Odessa an Bord auf der Fahrt nach Konstantinopel. Eine Frau verschwindet, ins Wasser gesprungen, denkt man. Vater und kleiner Bruder suchen sie ohne Erfolg. Es verschlägt die beiden an den Strand, den man später Goldstrand nennt. Lew, Großvater der Hauptfigur Eli, wird Korbflechter, verdingt sich als Hilfsgärtner der Königin. Der Sohn Felix darf studieren, wird Architekt, baut in der Sowjetzeit die Häuser am Goldstrand.

Der berühmte italienische  Regisseur Eli hat vor langer Zeit über diese Geschichte einen Film gemacht. Die Frau ist seine Tante, die sehr viel später doch wieder auftaucht – in der Geschichte, die er seiner Psychotherapeutin erzählt. Diese Gespräche bilden die eine Handlungsebene. Die Erinnerungen an sein Leben und das seiner Familie, der Großelterngeneration, Phantasmen des alternden Filmemachers in den Rückblenden sind die andere Ebene.

Ist das nur eine Filmerzählung oder wirklich seine Geschichte? Eli konstruiert sich ein Leben, sucht nach Rechtfertigungen für Entscheidungen und Alternativen der Erinnerung.

Was ist die Wahrheit? Fetzen eines Films über Europa. Die mythologische Europa reitet auf einem weißen Stier an der bulgarischen Küste, vielleicht auch sehr viel früher im Pariser Varieté. Sie heißt Vera, wie die verschwundene Tante und wie seine Tochter. Vera wie die Wahrheit.

157 Seiten Rätselhaftigkeit. Ein spröder Text. Wofür hat Katerian Poladjan den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen? Für fragmentarisches Erzählen über europäische Zusammenhänge, die wir nur in den Filmideen Elis imaginieren können.

Achtung Spoiler! Die Handlung endet wieder im Wasser. Niemand geht unter. Eli hat sich von seiner Geschichte befreit und schwimmt. Er hat viele Projekte, sagt er seiner geschiedenen Frau in Deutschland.

b) Jetzt mit Hintergrundwissen (Selbstauskunft der Autorin):

Poladjan wollte einen Roman über das 20. Jahrhundert schreiben (1922-2022), erklärt sie in einem Gespräch im NDR. Der Beginn in Odessa hänge natürlich auch mit ihrer Herkunft und Biographie zusammen. Die Flucht der Intellektuellen damals sieht sie als Parallele zur Ausreise vieler aus Russland heute. Der Schauplatz Rom sei eng mit ihren Aufenthalten als Kind und vor Kurzem als Gast in der Villa Massimo verbunden, der Goldstrand eigentlich ein Ort der Verheißung, aber auch der uneingelösten Versprechen für viele in den 50er und 60er Jahren. Die Hauptfigur Eli sei ein Mensch, der sich der Vergangenheit stellt, Erinnerungen hat, denen er nicht traut, seine Fehler im Umgang mit seiner Frau, seiner Tochter sieht, Distanz braucht – als Chance für sein Weiterleben.

Die Autorin verwehrt sich in ihrer Dankesrede nach der Verleihung des Preises gegen die Auffassung, Elis Versuch der Lebenskonstruktion sei nicht der Wahrheit verpflichtet:

„Entgegen der verbreiteten Auffassung, Eli sei ein unzuverlässiger Erzähler, glaube ich, dass alles, was er fabuliert, wahr ist, obwohl es letztlich auf paradoxe Weise ad absurdum geführt wird. Es ist wahr auf eine Weise wie der seltsame Umstand, dass wir alle auf derselben Erdkugel herumlaufen, aber schon unsere Nachbarin in einem ganz anderen Universum lebt.“

Dass die Erinnerung zersplittert ist, fragmentiert und fragwürdig, kann ich nachvollziehen. Dass das aber auch so fragmentarisch wie in dem Roman erzählt werden muss, nicht. Der Beginn verhieß mir mehr, als die Autorin eingelöst hat. Das Spielerische in der Literatur, auf das Poladjan so viel Wert legt, liegt eher in der Komposition als im Stoff, der mir zu blutleer daherkommt (bis auf den Anfang – wie gesagt).

In ihrer Dankesrede zitiert Poladjan aus Thomas Manns „Zauberberg“: „Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen.“

Das kann man unterschreiben.

Ihr früherer Roman „Hier sind Löwen“ (2019) über armenische Geschichte hat mir sehr viel besser gefallen.

Hintergrundbild: Bert Berger, „blaupause 36“ (Ausschnitt)

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