Was für eine Erholung!
Die Buchbranche muss sparen. Das bemerkt man selbst als arglose Leserin – in letzter Zeit öfter. Die Neuveröffentlichung eines alten Titels? Ja, das spart viel Geld. Die alte Druckvorlage kann man ja nochmal verwenden. Lektorat und Korrektorat sind da kaum nötig (höchstens für die Titelei, das Cover, vielleicht das Nachwort einer prominenten Persönlichkeit). Schon sieht das Buch aus wie neu. Das PDF kann ja nicht verschimmelt sein, oder? Anscheinend doch. Lara Croft wird zu Lara Croît, für zu Tür, sich wird zu sieh, wir zu w ir. Manchmal wird Lesen zum Ratespiel. Ein Vergnügen ist das nicht. Das letzte Buch des Missvergnügens war ein Rezensionsexemplar eines renommierten Verlags, das ich nach etwas über 100 Seiten abgebrochen habe, knapp zwei Dutzend Fehler später. Mit sooo einem Ärger im Bauch! Was für eine Missachtung der Autorinnen und Autoren, der Leserinnen und Leser!
Ich brauchte schnelle Besänftigung und griff in der Privatbibliothek zu einem kurzen Klassiker: Stefan Zweigs Erzählung „Brennendes Geheimnis„. Wie gesagt: Was für eine Erholung!
Vollkommen fehlerfrei. Ein kleines großes Vergnügen für einen Vormittag. Stefan Zweig erzählt mitreißend und mitfühlend von dem Leid eines zwölfjährigen Jungen knapp vor der Schwelle zur Pubertät und von der Doppelmoral der besseren Gesellschaft in Wien zur Jahrhundertwende. Eine verheiratete Dame ist mit ihrem Buben zur Erholung auf den Semmering gefahren. Ein junger Herr Baron ist im gleichen Hotel abgestiegen, langweilt sich und sucht ein schnelles Abenteuer. Über den Buben sucht er Kontakt zur Mutter, begreift den als Mittel zum Zweck. Der Junge meint einen Freund gefunden zu haben und wird bitter enttäuscht. Was da vor sich geht, ist ihm gänzlich unverständlich. Das Nichtwissen schlägt in Hass und Verzweiflung um. Sehr schön erzählt und immer wieder schön zu lesen. (Vom leicht durchscheinenden altväterlichen Frauenbild wollen wir ausnahmsweise mal schweigen.)

Stefan Zweig hat die kurze Erzählung 1911 veröffentlicht. Meine Ausgabe ist das Fischer Taschenbuch von 1988, 2022 in der 23. Auflage.
Das Bild zeigt das Südbahnhotel am Semmering, wo es sich sehr gut urlauben lässt. Die Barone sind in Österreich ja abgeschafft.

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