Zweimal jüdisches Wien im 20. Jahrhundert

Zweimal jüdisches Wien im 20. Jahrhundert

Einmal geht es von Ostgalizien in die Innere Stadt und den Alsergrund, das andere Mal in die Leopoldstadt, früher auch Mazzesinsel genannt.

Shelly Kupferberg beschreibt in ihrem Buch „Isidor“ den Besuch ihres Vaters Walter Grab 1956 in seiner Heimatstadt Wien. Am Bauernfeldplatz im Alsergrund sucht er die Wohnung, wo er mit seinen Eltern lebte. Auf dem Klingelschild sieht er nur einen bekannten Namen, den der alten Hauswartsfamilie. Er klingelt.

„Kreidebleich ruft sie in die Wohnung hinein: ‚Der Jud‘ is wieda doa!‘ Worauf ihr Mann rüde antwortet: ‚Sag koa Wort!‘. In den wenigen Sekunden, ehe sie die Tür vor Walters Nase zuschlägt, kann er einige Möbel seiner Eltern und ehemaliger Nachbarn ausmachen.“

Eine häufige Erfahrung von Überlebenden des Holocaust. Der Journalist und Schriftsteller Georg Stefan Troller beschreibt eine ähnliche Szene aus dem Jahr 1949. (Die Nachbarn hatten den Bösendorfer-Flügel, die Biedermeier-Möbel und die Bibliothek „arisiert“.)  

Auf dem Cover von Kupferbergs Buch steht „Roman“. Eigentlich eine irreführende Bezeichnung, denn das Buch ist das Ergebnis ihrer Recherche in die Familiengeschichte. Im Zentrum steht der Großonkel Isidor Geller. Seinen allzu jüdischen Vornamen Israel hat er geändert, als er aus dem ostgalizischen Schtetl gemeinsam mit einem Bruder nach Wien geht, wo schon ein älterer Bruder sein Glück versucht. Er studiert Jura, legt großen Wert auf Bildung und ist vom Kulturleben der Stadt fasziniert. Er klettert die Karriereleiter nach oben, verdient viel Geld, lädt zu Diners, wird eine bekannte Größe der Gesellschaft, ein Lebemann. Sein Neffe Walter besucht ihn regelmäßig:

„1935. Wie jeden Sonntag ging er zu seinem Onkel zum Mittagessen. In der vornehmen Canovagasse im I. Wiener Bezirk, gleich hinter dem Musikverein und in der Nähe des Karlsplatzes, bewohnte Onkel Isidor eine Etage im Palais des Freiherrn Eugène de Rothschild. […] Bei jedem Besuch bestaunte Walter, gerade einmal sechzehn Jahre alt, Isidors exquisites Mobiliar. Und seine vielen Bücher, im eigens dafür eingerichteten Lesezimmer, darunter in Leder gebundene lateinische Einzelexemplare, die gesamte Weltliteratur, Erstausgaben französischer und deutscher Klassiker.“

Kupferberg hat in allen möglichen Archiven gegraben und eine ganz erstaunliche Figur gefunden, der sie kaum mehr etwas hinzudichten brauchte. Noch dazu hatte sie die Aufzeichnungen ihres Vaters (des Historiker Walter Grab) und viele nach Palästina gerettete Familienfotos zur Verfügung. So entstand ein lebendiges Porträt des Großonkels und seiner Familie in Wien – bis ins Jahr 1938, als Isidor von den Nazis verhaftet und gefoltert wird. An den Nachwirkungen stirbt er kurze Zeit später.

Die Geschichte eines Juden in Wien, der nicht glauben konnte, dass es so schlimm kommen würde, wie es kam. Die Stadt Wien war seine Heimat – trotz latentem und auch offenem Antisemitismus auch schon vor dem „Anschluss“.

Ein ungemein spannendes, sehr leicht lesbares Buch, das ich in einem Rutsch verschlungen habe.

Ganz andere, sehr besondere Wiener Geschichten, die genauso lesenswert sind,  gibt es bei Veza Canetti. Der Roman, der zu Canettis Lebzeiten (1897 – 1963) nie veröffentlicht wurde, spielt in der Leopoldstadt, im II. Bezirk. „Die gelbe Straße“  (Titel des Romans) ist der Ferdinandstraße nachempfunden, in der Veza Canetti wohnte. Kris Lauwerys, der Veza Canetti in seinem Buch „Vom Licht in die Dunkelheit“ über drei Wiener Frauen eines der drei Kapitel widmet (Rezension hier), schreibt, Die gelbe Straße sei eine ganz andere Straße „als die der (groß-)bürgerlichen Kreise, in denen Schnitzlers und Zweigs Erzählungen angesiedelt sind. Die Gelbe Straße ist die Straße der Namenlosen und steht symbolisch für die Randgebiete der pompösen Innenstadt und der Ringstraße. […] Hier, mitten in der Leopoldstadt, wächst eine Generation heran, die der eigenen jüdischen Herkunft keine Bedeutung mehr zumisst.“ Offenen Antisemitismus thematisiert Canetti kaum. Nur an einer Stelle tritt er zutage: Als ein Kind aus dem Kinderheim verschwindet, äußert sich der Greissler inmitten der zu Verschwörungstheorien neigenden Menge: „Die Juden habns abgschlachtet.“

Auch für dieses Buch ist die Genrebezeichnung „Roman“ zumindest fragwürdig. Denn die Geschichten aus der Gasse sind nur lose miteinander verbunden und enden meist offen. Sie sind insofern romanhaft geschlossen als die Handlung mit dem beinahe tödlichen Unfall einer gelähmten Inhaberin einer Seifenhandlung und einer Trafik beginnt und mit ihrem Tod endet. Empathie kann man mit ihrem Schicksal aber kaum empfinden, sie ist keine liebenswerte Figur, sondern geizig und herrisch. Noch unsympathischer wird eine dubiose Stellenvermittlerin für Hausmädchen dargestellt, der das Schicksal ihrer Mädchen vollkommen egal ist. Ob sie statt als Dienstmädchen in einem reichen Haushalt landen oder im Bordell, ist ihr völlig egal. Hauptsache, sie kann den halben Lohn als Vermittlungsgebühr verlangen. Daneben gibt es die männlichen Bewohner der Gasse, beispielsweise den wohlhabenden Kaffeehausbesitzer, der ganz Trump-mäßig meint, jede Frau mit kaum mehr als einem Fingerschnippen haben zu können; einen pathologischen Pedanten, der am Ende im Irrenhaus landet; einen Lederhändler, der nach außen den großzügigen Wohltäter spielt, aber seine Frau terrorisiert. Das Mitgefühl für das Romanpersonal stellt sich ein, wenn Canetti von den vielen Bedienerinnen, den arbeitslosen, armen Mädchen, den Kindern erzählt, die die Geschichte bevölkern. Es sind die Frauen, die unter den herrschenden Verhältnissen am meisten leiden, oft aber zu viel Geduld mit diesen Verhältnissen haben und sich zu wenig dagegen auflehnen.

Canetti erzählt modern, distanziert, zieht ihre Figuren zuweilen ins Groteske. Nur an wenigen Stellen taucht ein beobachtendes Ich auf, vielleicht als Bewohnerin der gelben Gasse gedacht. Die Figuren entlarven sich selbst, fast wie bei Ödön von Horvath. Kris Lauwerys meint, den satirischen oder grotesken Grundton habe Canetti von Karl Kraus, den sie bewunderte. Die Geschichten, die dem Roman zugrunde liegen, erschienen zuerst in der sozialdemokratischen Wiener Arbeiter-Zeitung. Sie stellte den Roman 1934 fertig, konnte ihn aber nicht mehr publizieren. Erst 1990 erschien er im Druck. Sie schrieb unter verschiedenen Pseudonymen, zu denen ihr der Chef des Kulturressorts der Zeitung riet: „[B]ei dem latenten Antisemitismus kann man von einer Jüdin nicht so viele Geschichten und Romane bringen, und Ihre sind leider die besten.“ (Zitiert nach Lauwerys.) 1938 musste sie fliehen, ging mit ihrem Mann Elias Canetti nach England und geriet im Schatten des Schriftstellers in Vergessenheit. Zu Unrecht.

Meine Ausgabe ist das Fischer Taschenbuch, 2024 in der 6. Auflage.  

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