Lea Singer: Eine Frage des Formats

Ein außergewöhnlicher Roman! Zwei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens treffen sich und tauschen sich über Kunst und Wahrheit, Pferde, Wetten, Wolken, ihre Vergangenheit und die Vergänglichkeit aus. Vielleicht ist sogar ein Bruchteil davon wahr. Interessant und unterhaltsam ist das Buch allemal. Lea Singer kann hervorragend über Malerei, Maler und ihre Modelle schreiben, wie sie schon oft bewiesen hat.

Der einst berühmteste Maler des britischen Königreichs Lucian Freud darf die Queen malen. Nicht als Akt, aber nackt. Jedenfalls so, wie Freud das Wort versteht. Im Jahr 2000 sind beide alt und einigermaßen exzentrisch, er mehr als sie. Denn sie muss sich hinter einer Maske verstecken. Freud versucht mit seiner Malkunst die Wahrheit hinter der Fassade abzubilden. Auf die Frage seines Enkels, warum sie sich von seinem Großvater malen lasse, antwortet er:

Weil sie von vielen Leuten angelogen wird und ich die Wahrheit male“.

Dafür sind viele, viele Sitzungen notwendig. Aber erstaunlicherweise ist die „alte Dame“ dazu bereit und wird respektvoll behandelt. Ganz anders als andere von Lucian Freuds Modellen:

Wenn du verhindert sein solltest, hatte Lucian gedroht, dann muss ich eine geschälte gekochte Pastinake als Ersatzmodell nehmen, sie hat die Farbe deines Fleischs.

Azurblau ist die Farbe der Queen auf dem Bild, Kleid, Jackett, Handtasche. Auf dem Kopf ein Diadem, offenbar auf Wunsch Freuds. Dafür hat er extra seine Leinwand vergrößert, die dann „ungefähr so groß wie eine Geburtstagsgrußkarte, kleiner jedenfalls als der Deckel einer Zigarrenkiste“ war.

Von den „Möglichkeiten, sich im Alter lächerlich zu machen“ (ihre Worte) macht die Queen keinen Gebrauch. Von den Möglichkeiten, ihren Horizont zu erweitern, schon. Dank Lucian Freud und seiner Gabe, seine Modelle aus der Reserve zu locken. Manches bleibt trotzdem ein Geheimnis – obwohl man auch ganz neue Seiten an dem groben Klotz Lucian Freud kennen lernt.

Er wird einem sogar ein wenig sympathisch, trotz seiner Rüpelhaftigkeit und seines Eigensinns. Der Maler, der dem Realismus so nahe stand, konnte auf dem linken Auge keine Konturen sehen, nur Farben. Brille tragen kam nicht in Frage. Im Gegensatz zu ihm verliert sie nie die Contenance, „stoisch zum Reinschlagen“, nennt er das. Am Ende aber nicht ganz so unerschütterlich und abgeklärt, wie Lea Singer uns glauben macht.

Ein schönes kleines Buch für Freundinnen und Freunde der Kunst und Großbritannien-Aficionados.

Das Porträt erfuhr in der Realität sehr gemischte Reaktionen. Ähnlich sehe es ihr nicht, es sei ganz und gar nicht schmeichelhaft und man solle den Maler in den Tower sperren, so die einen. Die anderen meinten, es sei auf alle Fälle „thought-provoking and psychologically penetrating“, so der Direktor der National Portrait Gallery. Man kann es im Netz betrachten.

Auf dem Buchumschlag weist der Piper Verlag auf das besondere Datum hin, in dessen Umfeld das Buch veröffentlicht wurde: „Zum 100. Geburtstag der Queen am 21. April 2026“. Ich hätte es auch ohne Jubiläum gelesen und genossen.

Ein bisschen habe ich mich an die Queen in Alan Bennetts Erzählung „Die souveräne Leserin“ (Wagenbach, 2008) erinnert gefühlt.

Bildhintergrund: Lucian Freud im Jahr 2005 (Wikipedia, CC Commons)

Nachtrag: Am 16.4. las Lea Singer im Literaturhaus München:

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