Paris 1940: Zuflucht und Widerstand
Uwe Neumahr beginnt sein erzählendes Sachbuch nicht mit dem Jahr 1940, sondern viel früher, in den Anfangsjahren der beiden Buchhandlungen, um die es geht: „Shakespeare and Company“ (seit 1921) auf der einen Seite der Pariser Rue de l’Odeon und „La Maison des Amis des Livres“ (seit 1915) auf der anderen Seite. Er begründet sein Vorgehen damit, dass die Freundschaften mit den jüdischen Emigranten schon in den 20er und 30er Jahren entstanden sind, nicht erst, als die Deutschen 1940 Paris besetzten. Deshalb erzählt er auf zwei Zeitebenen und in zwei Handlungssträngen, die am Ende zusammenfinden, ein Erzählen, das man aus Streaming-Serien kennt. Das chronologische Erzählen im Sachbuch habe sich überlebt, man müsse eine andere Form finden, so Neumahr in einem Interview mit dem Literarischen Nerd auf Instagram. Und das ist schon mein einziger Kritikpunkt an seiner Darstellung: Die Sprünge sind manchmal ein bisschen verwirrend. Ich bevorzuge die altmodische chronologische Darstellung.
Die Amerikanerin Sylvia Beach und ihre Buchhandlung mit Leihbücherei ist vor allem durch die Veröffentlichung von James Joyces Jahrhundertroman „Ulysses“ berühmt geworden. Weniger bekannt ist, dass der Autor sich später äußerst undankbar erwies. Neumahr erzählt ausführlich davon, wie der großspurige Joyce sie wegen der Tantiemen und der Rechte bedrängte und selbst vor Beleidigungen nicht zurückschreckte.
In ihrer Buchhandlung trafen sich viele amerikanische Literaten und Künstler, beispielweise John Dos Passos, Ezra Pound, E.E. Cummings, F. Scott Fitzgerald, Henry Miller, Gertrude Stein und Ernest Hemingway. Im Dezember 1941 musste sie schließen. Die Gefahr, dass ihr Bücherbestand konfisziert würde, war zu groß. Im September 1942 wurde sie als feindliche Ausländerin interniert, zunächst in einem Freizeitpark („Affen waren in dem Gehege keine mehr, aber 350 weitere Amerikanerinnen“), dann in einem Lager in Vittel.
Nicht ganz so berühmt, aber von enormer Bedeutung für die französische Literatur ist die Inhaberin der anderen legendären Buchhandlung. Die Schriftstellerin und Buchhändlerin Adrienne Monnier ist nach den Worten Neumahrs zwar nicht in der Liste der „Gerechten unter den Völkern“ zu finden, aber sie sei dieser Ehre eigentlich würdig. Ihr idealistisches humanitäres Engagement sei bisher viel zu wenig beachtet worden. Sie war eine einnehmende Persönlichkeit mit einer ausgeprägten sozialen Ader. Ihre Begeisterung für die Literatur war so ansteckend, dass ihr Laden der „heimliche […] Mittelpunkt der französischen Kulturszene in den Zwanzigerjahren“ wurde. Hier lasen oder stritten sich Paul Claudel, André Gide, André Breton, Jean Cocteau, Paul Valéry und viele andere.
Unter deutscher Besatzung war das bald nicht mehr möglich. Als die Deutschen kamen, rettete sie mit ihren Netzwerken oft unter Lebensgefahr jüdische Bekannte und Freunde vor den Nazis oder den französischen Kollaborateuren. So etwa ihre zeitweilige Partnerin, die Fotografin Gisèle Freund, den Soziologen Siegfried Kracauer, den Schriftsteller Arthur Koestler und den Philosophen Walter Benjamin, der dann nach der Flucht durch ganz Frankreich in Spanien trotzdem ein trauriges Ende fand. Gemeinsam mit Sylvia Beach unterstützte Monnier die Résistance. Ganz im Gegensatz zu der einst gefeierten jüdischen (!) Salonière Gertrude Stein, die die Reden von Marschall Pétain ins Englische übersetzte und sich mit den Nazis gemein machte.
Das Buch ist nicht nur die Geschichte zweier mutiger Frauen und ihrer Buchhandlungen, sondern ein großes Stück französischer Kulturgeschichte. Akribisch recherchiert und mit vielen Anmerkungen versehen. Sehr lesenswert!
Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine ausführliche Besprechung findet man auch bei Kulturbowle.
Bilder auf den Slides: Wikimedia, CC Commons









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