Julian Barnes: Departure(s)

Das berühmteste IAM (involuntary autobiographical memory) stammt wohl von Marcel Proust. Der Geschmack des Gebäcks im Tee löst mit einem Schlag Kindheitserinnerungen aus:

“Sie ließ daraufhin eines jener dicklichen, ovalen Sandtörtchen holen, die man ‚Petites Madeleines‘ nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer Jakobs-Muschel benutzt. Gleich darauf führte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, doch bedrückt über den trüben Tag und die Aussicht auf ein trauriges Morgen, einen Löffel Tee mit einem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt.“

In seinem Buch „Departure(s)“ klärt der Proust-Kenner Julian Barnes seine Leser allerdings mit unverhohlener Ironie darüber auf, wie die weltbekannte Episode wirklich zustande gekommen ist:

„And yet … and yet, in 1907, when Proust was working on the first volume of his novel, it was a piece of stale bread dunked in a cup of tea which had sent him on his exhilarating journey into the past. And in the next version, it was a piece of toast. And sometime in 1908, a kind of hard biscuit.”

Bei Barnes selbst würden Kindheitserinnerungen kaum durch einen aufgeweichten Keks ausgelöst, meint er, eher schon durch den Geruch von Klebstoff, mit dem er als Kind Modellflugzeuge zusammenbaute, oder an den Geruch eines feuchten Golden Retrievers.

Er geht der Frage nach, wie zuverlässig Erinnerung ist, wie Erinnerung einen Menschen ausmacht, wie Erinnerung Literatur wird, wie man mit Erinnerungen als Schriftsteller umgeht. Mit Proust und dem innigen Zusammenhang von Erinnerung und Identität beginnt und endet das letzte Buch des achtzigjährigen Schriftstellers Julian Barnes. Er hat kurz vor dem Covid-Lockdown die Blutkrebsdiagnose erhalten, eine Krankheit, an der er nicht sterben wird. Beherrschbar, sagen die Ärzte. Also noch Zeit, bis das Unvermeidliche eintritt, das Universum seine Arbeit macht (wie er den Tod nennt). Er erzählt von seinen Erfahrungen mit der Diagnose auf unterschiedliche Weise (mit den Notizen aus dem Krankenhaus, aus der Erinnerung, mittels Tagebuchaufzeichnungen) und macht auf die Auslassungen, Veränderungen der Geschichte aufmerksam:

„a demonstration of how memory (and record-keeping) works, and of what gets forgotten as the mind processes its vast input of ‚facts‘ to be stored.“

Sein Buch heißt auf deutsch „Abschied(e)“, eigentlich eine unzureichende Übersetzung des Begriffs „departure“, der auch so viel heißen kann wie Abreise, Aufbruch, Neubeginn, Abweichung. Es ist ein Abschied von seinen Lesern, denen er am Ende (obwohl er kein didaktischer Autor sein will) mitgibt: „No, don’t stop looking.“ Ein Aufruf, seine Vorstellungskraft zu nutzen, Geschichten zu lesen und zu erfinden, zu erzählen. Ein zweifellos besserer Abschluss als die letzten Worte des ersten Lord Grimstone, den er augenzwinkernd als Beispiel für Abschiedsworte zitiert. „We are low on marmalade.“

Man könnte den Titel (wie gesagt) auch mit „Abweichung“ oder „Abschweifung“ übersetzen, denn das ist es, was Barnes tut, obwohl er immer zu seinem Thema zurückkehrt. Denn das Buch ist kein Roman, sondern Autobiographie, Romanfragment, Essay. Eine Mischform, die Barnes sehr mag. Mittendrin steht die Geschichte einer Liebe, von der uns Barnes glauben macht, es habe sie wirklich gegeben. Zweigeteilt: einmal aus der Erinnerung erzählt (Beginn in Oxforder Studententagen), einmal mithilfe von Aufzeichnungen (Ende der Beziehung). Der Autor trifft einen Jugendfreund wieder, der ihn bittet, Kontakt zu dessen alter Liebe aufzunehmen. Barnes erzählt von dieser Beziehung trotz des Versprechens an die Beteiligten, es nicht zu tun. (Freche Ausrede an ihn selbst: „I wasn’t planning to publish in her lifetime.“) Es ist eine Liebesgeschichte mit einem großen Loch (40 Jahre) in der Mitte und mit einem Ende, das sich nicht an literarische Handlungsgerüste hält, keine Tragödie mit gutem Ende (oder umgekehrt). Eine Geschichte mit Figuren, die Ähnlichkeiten mit denen aus früheren Romanen haben. Eine Geschichte über das Schreiben, die Löcher in der Erinnerung (wo besonders die mittleren Jahre mit zunehmendem Alter verschwimmen), über die Unterschiedlichkeit der Vorstellungen von Liebe und die Missverständnisse, die sich daraus ergeben. Für mich ist dieser Teil ein wenig zu überfrachtet, aber es ist die Variation des Lebensthemas von Julian Barnes, hier in knappster Form verdichtet: 158 Seiten.

Zum Ende hin geht es um „Aufbrüche“. Die werden bei Barnes aber ironisch gebrochen, wenn er von früherer „Poetry of Departures“ erzählt. Beispielweise, von der Weltsehnsucht des einstmaligen Poet Laureate Philip Larkin, der gesagt hat: „ I wouldn’t mind seeing China if I could come back the same day.“ Seine eigene „bucket list“ ist auch nicht so abenteuerlich: noch einmal europäische Städte sehen, aufs Meer und die Berge schauen, noch einmal große Romane lesen und einen Abschiedsbesuch bei großen Kunstwerken machen:

„to Madrid for Las Meninas, Brussels for Brueghel’s Fall of Icarus, Rome for Bernini’s Apollo and Daphne, Ghent for the Van Eyck altarpiece, Palermo for Antonelli’s Annunciated Madonna, and so on.”

Da kann das Universum ruhig noch ein bisschen warten, „just the universe doing its stuff.”

Ein lakonischer, ein bisschen trauriger, manchmal sogar lustiger Abschied und eine anregende Lektüre.

4 Antworten

  1. Avatar von dj7o9

    Sehr schöne Besprechung – ich hab es auch sehr gerne gelesen. Ganz liebe Grüße Sabine

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    1. Avatar von Johanna Berger

      Danke dir! Liebe Grüße!

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  2. Avatar von buchpost

    Ja, deine Besprechung bestärkt mich. Ich hab es heute bestellt und freue mich auch auf die Lektüre. Anna

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    1. Avatar von Johanna Berger

      Ich mag ihn einfach. Tiefe in Leichtigkeit verpackt. Viel Freude bei der Lektüre!

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