Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei

Auf der Reise nach Sizilien wollte ich das Buch eines italienischen Autors lesen. Den Roman habe ich gelesen. Die Reise hat die Lufthansa verhindert. Sehr schade.

Dario Ferrari hat eine Art Schelmenroman geschrieben mit einem Helden, der gezwungen werden muss zu handeln. Er gehört zu den Menschen,

„die sich nicht entscheiden können oder nur halbherzig, die unbedingt dazugehören wollen, denen dafür aber die Kraft fehlt, die auf den letzten Metern alles über den Haufen werfen, weil ihre Bestimmung nicht im Triumph liegt, sondern einem Phantasma nachzujagen.“

Marcello ist Langzeitstudent aus Viareggio. Nach seinem Uni-Abschluss mit dreißig Jahren weiß er nichts mit sich anzufangen. Seine Freunde haben das sogenannte Erwachsenenleben begonnen, nur Marcello nicht. Sein Vater triezt ihn so lange, bis er sich aus Trotz und nicht aus Überzeugung für ein Promotionsstipendium am Lehrstuhl für italienische Literatur in Pisa bewirbt. Eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen, denn er gehört nicht zur Lehrstuhlschickeria, denen, die blasiert mit Begriffen um sich werfen, zu denen Marcello nur heuchlerisch und scheinbar wissend nicken kann.

„Ich werde diese Promotion angehen, nehme ich mir fest vor, während ich meine Vespa PK anwerfe, in der Hoffnung, sie möge wenigstens einmal abheben. Mich davontragen. Mich und meine Gemütsverfassung aus Rage, Rausch und Realitätsflucht.“

Eigentlich hat er gegen die die hochintellektuellen Mitbewerber keine Chance, aber merkwürdigerweise erhält er das Stipendium. Der Lehrstuhlinhaber Professor Sacrosantis ist (wie der Name schon verrät) eine Koryphäe, mit einem akademischen Hofstaat um sich herum. Und er hat eine klare Vorstellung davon, welches Thema Marcello bearbeiten soll: das erzählerische Werk eines italienischen Autors aus der zweiten Reihe. Ablehnen kann der überrumpelte Marcello nicht. Er soll sich mit Tito Sella beschäftigen, einem linken Terroristen aus seiner Heimatstadt, der im Gefängnis zum Romancier geworden ist. Also liest er sich ein. Sacrosantis verordnet ihm zudem, nach Paris zu gehen, um das Archiv des ehemaligen Terroristen durchzuarbeiten.

Soweit der erste Teil des Romans, den man als bitter-amüsante Satire auf den Universitätsbetrieb lesen kann, in dem es nicht unbedingt um intellektuelle Meriten geht, sondern oft um Speichelleckerei vor akademischen Granden, ein System, in dem sich hochqualifizierte wissenschaftliche Mitarbeiter mit Hilfsjobs und Versprechen auf unbefristete Stellen Jahr für Jahr durchs Leben hangeln müssen. Ferraris Spott über diese Welt mischt sich mit Mitgefühl. Und das liest sich sehr gut.

Allerdings gibt es dann einen zweiten Teil, in dem Marcello aus seinen Archivfunden das Leben des italienischen Terroristen und die Umstände rekonstruiert, die aus dem Spaßguerilla den Terroristen werden ließen. Leider eine recht langwierige und oft trockene Angelegenheit, die mich nicht wirklich fesseln konnte. In Tito erkennt sich Marcello irgendwann selbst. Am Ende (im dritten Teil)  kommt er auf die Spur eines nie gelösten kriminalistischen Rätsels und wächst an der Erkenntnis. Das ist dann wieder mitreißend erzählt. Daneben gibt es noch mehrere Liebesgeschichten – die des Terroristen und die Marcellos, in gewisser Weise parallel geführt. Die Sympathien liegen beim sympathischen Helden Marcello. Andere Figuren wirken – aufgrund der Perspektive – blasser, was besonders auf die Frauenfiguren zutrifft: die radikale Terroristin, die die bourgeoise Paarbeziehung ablehnt (in Titos Leben), die ähnlich gestrickte, revolutionär gesinnte Studentin und Geliebte Marcellos, die in Paris mit den Gelbwesten marschiert und die brave Medizinstudentin zuhause in Viareggio, die sich am Ende emanzipieren kann. Marcello bleibt übrig.

Ein Roman mit pfiffigen Dialogen und sehr vielen schönen Szenen, aber auch mit dem „Roman im Roman“, der mir nicht gefallen hat.

Bei Wagenbach erschienen. Übersetzung von Christiane Pöhlmann.

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