Zweimal Berlin

„Man hat sich ein schlechtes Geburtsdatum ausgesucht. Seit man lebt, sind die Zeiten groß, aber unangenehm.“ Diese Erfahrung macht in den 1920er Jahren nicht nur die Protagonistin des Romans „Alles ist Jazz“. Auch die Autorin Lili Grün  (1904 – 1942) konnte in der Stadt, von der sie sich so viel erhofft hatte, nicht Fuß fassen.

Ende der 1920er Jahre verließ sie ihre Heimatstadt Wien und ging ins vermeintlich aussichtsreichere Berlin. Sie wollte Schauspielerin werden und sah in Wien angesichts der hohen Arbeitslosigkeit keine Möglichkeit mehr für sich. Allerdings war das mit den Engagements dann in Berlin nicht anders.

In ihrem Roman, der unter dem Titel „Herz über Bord“ 1933 im Wiener Zsolnay Verlag erschien, thematisiert sie die großen Hoffnungen auf Liebe und Karriere, die Aussichtslosigkeit, den Lebensüberdruss und den unbändigen Lebenswillen junger Frauen.

Die Hauptfigur Elli hat nach ihrem Auftritt im Volkstheater „fabelhafte Presse“ und seit vierzehn Tagen einen neuen Freund. Nur schade, dass das Stück „ein Durchfall“ ist und der Freund für die Bühne eigentlich nichts übrig hat. Sie hält an ihm fest, verliebt ins Verliebtsein, und hofft auf neue Engagements, die trotz Protektion nicht kommen wollen. Ein Kabarett-Kollektiv wird gegründet. Es soll die Lebensgrundlage für Elli und ihre Freundinnen bilden. „Jazz“ heißt es, nach dem „Rhythmus, in dem wir armen Hascherln schlecht und recht groß geworden sind und gehen gelernt haben“. Einen Sommer lang gibt es Hoffnung, sich demnächst nicht mehr von Würstchen, Suppe und Salat ernähren zu müssen. Irgendwann könnte der berühmte Filmmensch im Publikum sitzen, der Mann, der einem helfen kann, bis der eigene „Name ohne Herr und Frau voran, einfach‚ die oder der Soundso‘ fester Begriff in aller Menschen Hirn“ geworden ist. Derweil sind es aber die Demütigungen, die Ellis Leben bei der Suche nach einem Engagement bestimmen. Wenn es einer geschafft hat, der vorher mit ihr noch in der Kneipe saß, thront er jetzt hinter dem Schreibtisch der Macht und wimmelt die Bittstellerin ab. Alltag zwischen Bühne, Kneipe und billigem Pensionszimmer. Eine Freundin stirbt an der Tuberkulose. „Es ist nicht die Krankheit, die Elli aus der schönen Literatur kennt, es ist eine arme, arme Proletarierkrankheit, es ist ein häßliches Siechtum.“ Mit der Liebe will es auch nicht klappen. Man sitzt im Café wie in Kästners „Sachlicher Romanze“. Sie liest den Theaterteil der Zeitungen, er die Leitartikel. Zu sagen hat man sich wenig. Und doch: Die Hoffnung ist immer da:

„Es muß ja wieder besser werden, es muß ja wieder vorwärts gehen! Am Leben bleiben, am Leben bleiben! Vielleicht gibt es irgendwo in der Zukunft etwas, das man versäumen könnte durch eine voreilige Flucht …“

Die lungenkranke Autorin wurde nach ihrer Rückkehr nach Wien und dem Anschluss von den Nazis 1942 deportiert und umgebracht. Heute erinnern ein Stolperstein und ein nach ihr benannter Platz in Wien an Lili Grün.

Ein schöner, frischer Roman (trotz traurigem Sujet). Für Freunde der Literatur der Neuen Sachlichkeit, Leserinnen und Leser von Ingrid Keun oder Helen Wolff. Versehen mit einem sehr informativen Nachwort der Herausgeberin Anke Heimberg.

Etwa um dieselbe Zeit, in der Elli sich in Grüns Roman um ihren Lebensunterhalt sorgt und immer wieder erfolglos vor Schreibtischen katzbuckelt, sucht auch Martha in Shelly Kupferbergs Roman „Stunden wie Tage“ eine Stellung. Sie kommt ebenfalls aus kleinen Verhältnissen, will aber keineswegs auf die Bühne. Ellis und Marthas Wege hätten sich in der Wirklichkeit kaum berührt. Marthas Ziele sind viel pragmatischer. Sie hat eine Ausbildung als Kontoristin und bewirbt sich um eine Stelle als Hausbesorgerin in dem Schöneberger Mietshaus der jüdischen Brüder Berkowitz.

Kupferberg hat diese Martha noch in Berlin gesehen, Gerüchte über die alte verwahrlost wirkende Frau gehört, die durch ein Affäre mit einem Nazi zu Reichtum und einem Mietshaus in Schöneberg gekommen sein soll. Kupferberg hat in den Archiven gegraben und Erstaunliches zutage gefördert. An den böswilligen Gerüchten ist nichts dran. Wahr ist: Martha ist Besitzerin des Mietshauses, das bis zu Henry Berkowitz‘ Flucht nach England den Brüdern Berkowitz gehörte. Wahr ist außerdem, dass Henrys Tochter Liane bei Martha ein und aus ging, mütterlichen Beistand suchte, den sie bei ihrer überforderten Mutter nicht fand. Mit siebzehn verliebte sie sich in einen Widerstandskämpfer.

Bei einer Klebeaktion wurde sie verhaftet und in Plötzensee als Mitglied der „Roten Kapelle“ enthauptet.

Kupferberg schafft aus den Akten und Erzählungen von Menschen, die Martha noch kannten, eine plastische Romanfigur. Nach der Lektüre kann man sich vorstellen, dass es genauso gewesen sein könnte.

Das Buch ist zwar kein literarisches Meisterwerk, aber eine sehr spannende und anrührende wahre Geschichte.  Deren große Lücken kann Shelly Kupferberg dank ihrer gründlichen Recherche und ihrer Fantasie glaubwürdig füllen. „Isidor“, das Buch über ihren Großonkel, hat mir besser gefallen. Ein bisschen schade, dass der Stil der Autorin eher journalistisch denn literarisch ist. Viele Charakterzuschreibungen und Handlungsbeschreibungen wirken für meinen Geschmack etwas schal.

Im Falter-Podcast erzählt die Autorin anschaulich von ihren Recherchen und liest den Prolog des Romans vor.

(Bilder: Wikimedia Commons)

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