Wien, die zweite: Spaziergänge, Cafés und Kultur

Reisenotizen: Nach einer kurzen Rast zu Hause war ich wieder in Wien. Die Museen gehen mir da nie aus, die Cafés auch nicht.

Am Sonntag gab es in der Volksoper „Carmen“. Die Mitstreiter waren sich einig: ein schauerliches Bühnenbild, aber viel gute Musik. Ein schöner Abend bei bestem Frühsommerwetter.

Dann ins Café zur beschwingten „Nachbesprechung“ mit Gulaschsuppe, Gebäck und Getränk. Das Café Weimar ist ja nicht weit weg.

Am Montag nach dem Mittagessen im luftigen Innenhof des tollen, kleinen französischen Restaurants Beaulieu in der Ferstelpassage ein Spaziergang im „Bank-Austria-Park“ an der Oberen Alten Donau. Er heißt wirklich so, manchmal aber auch „André-Heller-Park„, weil Heller ihn künstlerisch gestaltet hat. Skulpturen und Windspiele, Bänke und junge Bäume. Na ja. Da muss erst was wachsen. Die Skulpturen wirken ein bisschen beliebig, zum Teil auch ein bisschen kitschig. „Es war schon mal etwas heller“, sagte mein Begleiter. So schnell begebe ich mich da nicht mehr hin, es war ja auch eine halbe Weltreise mit der U6 und dem Bus.

Am Dienstag war ich in zwei Ausstellungen, die ich bemerkenswert fand. Die erste in der Albertina:

Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde von Honoré Daumier. Der Franzose ist vor allem als scharfer Kritiker der Herrschenden, als Portraitist des Alltags und als Karikaturist bekannt. Gezeigt wird auch ein Kurzfilm mit animierten Zeichnungen von Daumier, gestaltet nach einer Idee von Paul und Linda McCartney. Sehenswert.

Mittagspause im Café Engländer. Dort lässt Robert Menasse in seinem Buch „Die Lebensentscheidung“ seinen Protagonisten Franz Fiala essen und trinken:

„Nach der Ankunft in Wien aß Franz Fiala ein Schnitzel im Café Engländer. Mit Preiselbeeren? Nein danke, er war ja kein Tourist, der sich ahnungslos einen Löffel Marmelade als Extra auf die Rechnung setzen lässt.“

Ich habe keinen Veltliner von Waldschütz (Franz‘ bevorzugtes Getränk) getrunken, nur ein Soda Zitron. War auch gut. Das Buch von Menasse habe ich auf der Bahnfahrt nach Wien begonnen und auf der Rückfahrt beendet.

Ein lustiges Buch ist das nicht, auch wenn man schon manchmal lächeln muss. Es geht um die Liebe und den Tod, klassisch und als Novelle – also mit einem besonderen Ereignis im Mittelpunkt: „denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“ (Goethe).

Franz Fiala, der Protagonist in Robert Menasses Buch, trifft am 26.2.24 eine Entscheidung. Lang hat er mit sich gerungen. Nach vielen politischen Enttäuschungen beendet er seinen Dienst als Beamter der Europäischen Kommission in Brüssel vorzeitig. Der Nationalismus und die Erpressbarkeit der Kommission haben ihm schwer zu schaffen gemacht. Und der Fortschritt hin zu einem klimafreundlichen und gerechten vereinten Europa scheint ihm ferner denn je. In dieser Institution will er nicht mehr weiter nach oben, von der Arbeitszelle mit zwei Fenstern nicht mehr zu einer mit drei. Doch das ist noch nicht die Lebensentscheidung, die dem Buch den Titel gibt.

Franz Fiala bekommt Krebs und trifft eine weitere Entscheidung, die dann wirklich zu einer Lebensentscheidung wird. So ganz nüchtern und vernünftig, wie der Jurist sich gibt, läuft das aber nicht ab. Er geht zurück in seine Heimatstadt Wien, in die Nähe der hochbetagten Mutter, deren einziger Sohn er ist. In diversen Rückblicken auf seine Kindheit und Jugend erfährt man mehr von der symbiotischen Beziehung, der Liebe, die die beiden empfinden. Von der Mutter, die immer aus ihrer kleinbürgerlichen Welt ausbrechen will und ihren Heine, ihren Schiller und die Droste auswendig kennt. Die sich nicht zu schade ist, dem Direktor des angesehensten Gymnasiums in Wien mitzuteilen, dass er einen ungeheuren Fehler begeht, wenn er ihren Sohn nicht auf die Schule gehen lässt. Das hat sie seiner Freundin Feli bei einem Besuch erzählt:

„Hören Sie zu, Herr Direktor! Ich mache Sie darauf aufmerksam, Sie werden später einmal keine Gedenktafel draußen anbringen können, auf der steht, dass Franz Fiala diese Schule besucht hat! […] Ich hätte gern jemand gehabt, sagte Feli, der so bedingungslos zu mir gestanden hätte. Ja, sagte Franz, heute, rückblickend, ja, sie war großartig.“

Menasse erzählt lakonisch, lässt seinen Franz mal bitter, mal ironisch und mal traurig und liebevoll werden. Dass das Buch nicht in Trauer abstürzt, dafür sorgt der Autor mit seinem trockenen Humor. Als der verabscheute Onkel stirbt, weiß Franz nicht, was er dem Trauerredner sagen soll:

„Was sollte er sagen? Welche Ressentiments Fritz gehabt hatte und welche Vorurteile? Und welche herrische Anwandlungen von Besserwisserei? Sollte er sagen, dass Fritz Kaiserschmarrn geliebt hatte?“

Eine sehr schöne Novelle!

Der Dienstagnachmittag war für die Wandbehänge und Stoffe der Textilkünstlerin Anni Albers (1899-1994) reserviert. Die Ausstellung im Unteren BelvedereAnni Albers. Constructing Textiles“ ist die erste umfassende Ausstellung ihrer Werke in Österreich.

Ihre Anfänge reichen ins Bauhaus zurück. (Damals wurden die Frauen gern in die Weberei abgeschoben!) In dem Buch „Frauen am Bauhaus Dessau“ von Unda Hörner (Besprechung hier) taucht sie zusammen mit Gunta Stölzl auf.

Am Mittwochvormittag war vor der Rückreise nur noch Zeit für einen Besuch in der Albertina Modern für die Foto-Ausstellung „Tanzbild“ – von den 1860er-Jahren bis zu Fotografien der 1920er- und 1930er-Jahre.

Im gleichen Haus gibt es die Ausstellung KAWS ART & COMIX. Das ist nicht so ganz mein Fall. Deshalb habe ich nur einen kurzen Blick auf die Objekte geworfen. Die begehbare Installation von Red Grooms „Ruckus Manhattan“ (1975), ein sogenanntes Sculpto-Pictorama, hat mir aber gut gefallen.

Abschluss im Café Schwarzenberg. Dann wars aber auch genug. Schnell weg, bevor die ESC-Fans anrauschen. Das Café ist Pate für Tschechien und Albanien.

Hinterlasse einen Kommentar