Robert Seethaler: Die Straße (Hörbuchfassung)

Eine Straße, irgendwo zwischen Wien und Berlin, den beiden Wohnorten des Autors. Andreas Platthaus (FAZ) meint, sie in Wien rund um den Karmeliterplatz einordnen zu müssen. Dabei betont Seethaler, die Straße sei „zeit- und ortlos“. „Garantiert 300 Figuren“ kommen darin vor, sagt er. Ein Wimmelbild, Patchwork aus verschiedenen Genres, aus unterschiedlichen Perspektiven und Erzählsituationen. Seethaler reiht aber nicht beliebig Bausteinchen an Bausteinchen aus dem Setzkasten zu einem Bild der Straße aneinander, sondern komponiert sorgfältig. Viele Motive und Figuren kehren wieder – leicht verwandelt wie die Straße selbst. Vergangenheit erscheint in Statistiken und in unsicheren Erinnerungen der Bewohner (Gab es die Bombentrichter oder nicht?).

Eine durchgehende Handlung entsteht dadurch nicht. Vielmehr vermisst der Autor die Entwicklung und den Stillstand in der Heidestraße innerhalb eines Jahres, von November bis November, von einem Straßenfest zum darauf folgenden. Im Bezirksblatt ist von „spannende[n] Stadtentwicklungsprojekten“ und dem „Gemeinwohl“ die Rede, wo eigentlich nur die Interessen der Gewerbetreibenden und Immobilienfirmen gemeint sind. Es wird kalt entmietet. Der Anwalt der Betroffenen lässt sich kaufen. Im Altersheim „Haus Abendschein“ wird gestorben, gleich darauf werden die Zimmer desinfiziert und die Betten neu bezogen. Die Blumenhändlerin schreibt innige Liebesbriefe und schickt sie nie ab. Der Antiquar bekämpft die Feuchtigkeit und den Brotkäfer, der ausgerechnet die Kulinarikregale seines kleinen Geschäfts im Visier hat, und versucht, dem Untergang seiner Buchhandlung entgegenzuwirken. Ein Ehemann verdächtigt seine Frau des versuchten Giftmords. Der jugendliche Tunichtgut verprügelt einen Polizeischüler … Es gibt eine Bäckerei, in der getratscht wird, einen Magistrat, eine Kirche, viele Wohnungen, ein Versicherungsbüro, ein Restaurant, eine Kneipe und die sehr geheimnisvolle Statue des Heiligen Jolander (mit der sich Seethaler einen Spaß erlaubt).

Das ganze Leben einer Straße. Seethaler beobachtet genau, aber beschreibt kaum, er lässt seine Figuren selbst sprechen, sich unterhalten, schimpfen, tratschen, offizielle Schreiben verfassen. Im Widerstand gegen die Immobilienhaie tritt der Zusammenhalt der Bürger zutage. In den vielen Gesprächen und Monologen wird aber auch die Hilflosigkeit der Bewohner erkennbar, ihr Umgang mit den Nachbarn, der Alltagsrassismus, die Misogynie, die Naivität und die Einsamkeit.

Der Autor entwirft ein Spiegelbild des Alltags, nicht unähnlich der Lyrik von W. C. Williams, den er mit einer Pastiche würdigt. Bei Williams heißt es:

I have eaten/the plums/that were in/the icebox/and which/you were probably/saving/for breakfast/Forgive me/they were delicious/so sweet/and so cold.

Seethaler lässt eine namenlose Figur sprechen oder schreiben: „Ich habe das letzte Stück Kuchen aus der Vitrine gegessen. Ich weiß, du hattest dich schon darauf gefreut. Verzeih mir, es war so gut. Außen knusprig und innen ganz weich.“

In einer kurzen Szene rät der Coach eines Literatur-Workshops einer Teilnehmerin: „Wenn es eine gute Geschichte werden soll, muss sie eine innere Wahrheit offenbaren.“ Vielleicht ist das an der Stelle als ironischer Seitenhieb gemeint, richtig bleibt der Satz aber trotzdem. Und der gilt auch für Seethalers Buch.

Ich habe das Hörbuch gern gehört, auch wenn ich mir vorstellen könnte, dass eine Kürzung dem Buch gut getan hätte.

Matthias Brandt, ein Freund des Autors, liest den Text sehr gut, so, wie der Autor sich das wünscht. Der lehnt des „gefühlige“ Lesen ab. Brandt liest wirkungsvoll und abwechslungsreich – je nach Figur oder Textsorte.

An mehreren Stellen fühlte ich mich an Veza Canettis Roman „Die gelbe Straße“ (Besprechung hier) erinnert, dem Porträt einer Gesellschaft der Namenlosen. Im Gegensatz zu Seethaler erzählt sie über ihre Straße noch kleine Geschichten. Hier gibt es nur mehr Augenblicke. Identifikation ist bei beiden Erzählungen schwierig.

Hörenswert auch: das Gespräch und die Lesung in Berlin im Rahmen der „Schönen Lesung“ des rbb, die online abrufbar ist.

Das Hörbuch habe ich bei @vorablesen gewonnen.

Hintergrundbild: Foto aus der Schau „Wien 1900“ im MAK Wien

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