Ein Heimatroman, der nichts romantisiert: Poetisch, atmosphärisch und karg in der Sprache, drastisch in der Darstellung der rauen Wirklichkeit. Ein Leben verdichtet in Momentaufnahmen. Gesehen aus der Perspektive derer, denen der Hintern auf dem Häusl wegfriert, wenn sie im Winter nachts über den Hof müssen. Oberfranken von den Dreißiger Jahren bis zum Wirtschaftswunder.
Ein ausgezeichneter Roman! Horvath und Fleißer lassen grüßen.
Die siebzigjährige Autorin Kerstin Specht widmet das Buch ihrer Mutter und lehnt es wohl auch an deren Leben an. Die Romankapitel sind kurz, manchmal nur eine halbe Seite und sagen doch so viel. Eine Überschrift heißt „Christenlehre“:
„Der Gott schrieb vor, dass im Leben keine Freude sein sollte, nur Arbeit. Die Freude käme erst, wenn man tot war, sonst hätte er die Menschen gleich im Paradies lassen können.
Die Leute ziehen ihre besten Sachen an und tragen ihre Schmerzen in die Kirche und nehmen sie wieder mit nachhause, weil sonst hätten sie ja gar nichts mehr.“
Mit sarkastischen Witz und überraschenden sprachlichen Volten rückt sie der Armut und dem Elend der Kleinbauern, Knechte, Mägde, Dienstbotinnen und Häusler zu Leibe.
Mattis, der Vater, ist aus dem Krieg heimgekehrt ins oberfränkische Dorf. Er hat überlebt, nur die Haare hat er verloren, „sie hatten den Stahlhelm nicht ertragen“. Sina nimmt ihn trotzdem. Nach dem frühen Tod des Robertla kommt dann noch Sophie zur Welt. Sie steht im Mittelpunkt des Romans. Auch ihr Leben hängt am seidenen Faden. Der Lehrer bestellt Milchpulver, damit sie nicht verhungern muss. Dann bekommt sie Rippenfellentzündung, dann Asthma. Andere haben Diphterie und sterben dran. Sophie trotzt dem Tod hartnäckig. Sie ist eine Heldin, die an den haarsträubenden Bedingungen des Lebens in Armut nicht scheitert. Sophie ist eine, die kleine Fluchten zu nutzen weiß. Sie bricht nicht aus, sondern weiß sich zu helfen.
Specht erzählt vom Leben und Sterben, von Gewalt und Liebe, von Weihnachts- und Konfirmationsfesten, die man selber nicht erleben wollte, von einer Arbeit, die die Menschen auffrisst und von den Klassen-Unterschieden. Die Gutsbesitzersfamilie hat „hochmütige Lehnstühle […], eine Geflügelschere und die Unterwürfigkeit der Dienstboten. Aber ein Bad haben sie nicht“. Für Schöngeistiges ist kein Platz im Dorf. „Wer liest arbeitet nicht. Wehret den Anfängen. Der Vater dreht abends die Glühbirne aus der Fassung.“ Aber Sophie will lesen! Grimms Märchen sind die einzig vorhandene Lektüre. In der Schülerbücherei gilt „Der Giftpilz“ (ein antisemitisches Propagandamachwerk) als beliebte Lektüre.
Die große Politik ist auch in der oberfränkischen Provinz spürbar. Die Roten sind schuld, wenn die Scheune abbrennt. Und der Witz über Göring kommt nicht bei allen gut an. Als der Krieg ins Dorf kommt, werden die „Männer gesammelt wie Kartoffelkäfer“ und „in Gräben gesteckt“. Dass manche abgeholt werden, verschwinden, merkt auch Sophie. In den Wald geht sie nicht mehr, seit da Menschen gejagt werden.
Als mit fünfzehn die Schule für sie beendet ist, sieht sie einem Leben entgegen, das vorgezeichnet ist. Arbeiten, mit dem Verlieben aufpassen, bis der Richtige kommt. Bei einem Besuch im Tiergarten muss sie beim Anblick der Orang-Utans weinen:
„Sie hat gesehen, dass man dem Käfig gegenüber eine Einstellung braucht. Und welche Einstellung man hat, das nennt man dann Schicksal.“
Specht lässt eine Welt entstehen, die uns sehr fremd ist. Dabei ist das alles nicht mal hundert Jahre her. Und ganz vergangen ist die Vergangenheit auch nicht.
Eine fesselnde Geschichte, die ich verschlungen habe. Spechts Sprache ist Lesegenuss pur!
Ich danke der Stroux Edition und Birgit Böllinger für das Rezensionsexemplar!
Hintergrundfoto: © Bert Berger

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