Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin

Machtspiele und Verschwörungsmythen, europaumspannende Geheimdienstaktivitäten, Verfolgung und Vertreibung von Minderheiten, Antisemitismus, Kindesmissbrauch durch die katholische Kirche … Das klingt sehr bekannt, hier ist es aber im 17. Jahrhundert angesiedelt.

Vladimir Vertlib hat einen historischen Schmöker geschrieben, der gründlich recherchiert ist und trotz allen historischen Edelrosts gut in die Zeit passt. Noch dazu ist es ein sehr unterhaltsamer Roman. 410 Seiten lang tauchen wir ein in die Machenschaften der Mächtigen und die Rettungsversuche ihrer Opfer.

Es geht um die Kaiserin Margarita Teresa. Diejenige, die Velasquez als fünfjähriges Kind gemalt hat. Damals lebte sie noch am spanischen Hof. Der Maler porträtierte sie mehrmals für den zukünftigen Ehemann, Kaiser Leopold I., den sie mit 15 Jahren heiraten musste.

Sie war nicht nur seine Frau, sondern auch seine Nichte. Schön war sie sie nicht. Aber das spielte ja keine Rolle. Hauptsache gebärfähig.

„Manchmal wünscht sie sich, blind zu sein. Das Einzige, was sie tröstet, ist, dass ihr Ehemann noch hässlicher ist als sie selbst. Wenn sie sich gemeinsam zeigen, so ist sie neben ihm – wenn auch nicht unbedingt eine strahlende Erscheinung, so zumindest eine helle.“

Der Gatte hatte schlimme Attribute der Habsburger Inzucht-Degeneration. Als Margarita Teresa Leopold erstmals zu Gesicht bekommt, trifft sie ein Schock.

„Ein markant vorspringendes Kinn. Eine große, hängende Lippe. Ein stets offener, riesengroßer Mund. Verfaulte gelbe und braune Zahnreste […] Ohren so groß wie Kinderpantoffel. […] Aus den weiten Nasenlöchern ragten schwarze Haarbüschel, an denen Eiszapfen klebten.“

Weil der Mund offenbar nicht ganz verschließbar ist, laufen ihm Diener mit „Trenztüchern“ nach, die ihm jederzeit den Speichel vom Kinn wischen.

Ein trauriges Gespann. Dazu kommen noch hunderte Hofschranzen, Ratgeber, geistliche Beistände, Ärzte, Kammerfrauen.

Zwei Vertraute hat sich die Kaiserin aus Spanien mitgebracht: ihren Beichtvater und ihren Leibarzt. Der Geistliche ist eine äußerst zwielichtige Gestalt, die sich an kleinen Jungen vergreift. Er fungiert als Gegenspieler zur Hauptfigur, dem Juden der Kaiserin. Pedro de Rojas ist konvertierter Jude, was keiner am Hof wissen darf. Der kaiserliche Geheimdienst allerdings weiß alles. Und sagt erstmal nichts.

Die Kaiserin muss dringend einen Thronfolger gebären, der länger als ein paar Jahre überlebt. Keine leichte Aufgabe mit den Habsburger Erbanlagen. Der Leibarzt soll ihr helfen. Sogar eine jüdische Hebamme wird gerufen – obgleich die Kaiserin der Judengemeinde vor den Toren der Stadt Wien, am Unteren Werd, nicht wohlgesonnen ist und sie dringend vertreiben, wenn nicht auslöschen will. Pogrome haben interessierte Kreise schon angezettelt.

„Es sei erstaunlich, wie verkommen die Menschen seien, meint Waltraud [Pedros Dienstmagd], die zu den wenigen gehört, denen die Herkunft ihres Herrn nichts ausmacht. Herr Gottfried Bäcker aus der Bäckerei in der Kärntner Straße, habe am lautesten geschrien, als die armen Juden in ihrem Elend an der Stadt vorbeizogen. ‚Tötet sie, hängt sie auf, vierteilt sie‘, habe er geschrien, und dabei seien die Brüder desselben Bäckers samt ihren Familien vor nicht allzu langer Zeit selbst als Evangelische aus der Stadt vertrieben worden, während der Bäcker selbst seinem evangelischen Glauben abgeschworen habe und sich seitdem besonders katholisch gebärde.“

Die geschichtlichen Daten kann man nachlesen. (1670 wurden die Juden aus Wien vertrieben, wurde die Synagoge zerstört und an ihrer Stelle die Leopoldskirche erbaut.) Was Vertlib aus den Daten macht (natürlich inklusive Liebesgeschichte), ist anregend, traurig und manchmal sogar amüsant zu lesen.

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an den Residenz Verlag und ehrlich & anders!

Bilder: (alle Wikimedia Commons)

Gerard Dou, Der Arzt, 1653

Diego Velázquez, Las Meninas, 1656

Anonymus, Kaiserin Margarita Teresa, ca. 1662-1664

Benjamin von Block, Kaiser Leopold I., ca. 1672

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