Petra Morsbach: Orion

„Man sagt, alle Deutschlehrer hätten was in der Schublade.“

Nicht so die Deutsch- und Geschichtslehrerin Nora Dellendrücker. Sie muss dringlich gebeten werden, ihre Schätze zu teilen: ein ganzes Leben mit der Literatur, ein Universum von Figuren und Gedanken aus der Weltliteratur und der Philosophie.

Ein Lehrerinnen-Roman? Ja, das auch. Vor allem aber ein Roman über das Leben mit der Literatur.

„Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche, sogar solche, mit denen ich intim war – spurlos verschwanden und andere, die ich vielleicht nur einmal traf, einen Volumengewinn für immer bedeuteten.“

Ihre Schüler an einem oberbayerischen Gymnasium sollten sich die Bücher als Menschen vorstellen, die man auf einer Party trifft. Vielleicht würde das eine ein Freund, das andere sei womöglich nur kurzfristig interessant oder wirke abschreckend. Jedenfalls nahbar.

Auch Menschen sieht sie wie Bücher und wendet sich entschlossen ab: „Dieses Buch wollte ich nicht lesen.“

Die Hauptfigur und Erzählerin ist etwa 1960 geboren. Man erlebt sie als Enkelin einer gedichte- und liederbesessenen Großmutter, als literaturbegeisterte Studentin, bildungshungrige Leserin, Literaturvermittlerin mit pädagogischem Antrieb, Literatur-Archivarin, zugewandte Freundin, aufmüpfige Kollegin, Ehefrau, Mutter, nierenkranke Dialyse-Patientin. Vor allem eine Figur, an der man sich als  Leserin reibt, über die man sich ärgert, die man bewundert und bedauert.

Der Titel des Romans bezieht sich auf das Sternbild des Orion. Von so vielen Menschen auf der ganzen Welt zu allen Zeiten gedeutet, ist es für sie der Inbegriff der Fantasie, wie sie im Interview mit dem Deutschlandfunk erklärt, „als gäbe der Sternenhimmel einen Sinn“.

Bei ihrer ersten Lesung (in der Buchhandlung Moths in München) gefragt, was in dem Roman denn autobiographisch sei, antwortete sie: „die Krankheit (Nierenversagen und Dialysepflichtigkeit) und die Literatur“.

Alles andere sei Erfindung, Beobachtung, Recherche. Den Schul-Hintergrund habe sie aus vielen Gesprächen mit Lehrkräften, auch Hospitationen in der Schule. Die Krankheit allerdings kennt sie aus eigenem Erleben.

Der ganz starke Prolog des Romans ist ihrer Erinnerung an die Großmutter Auguste zu verdanken. Das Kind aus einfachen Verhältnissen wird während der Krankheit der Mutter bei der fast tauben Oma geparkt. Mietwohnung ohne Bad, Klo auf halber Treppe. Witwe nach einem Leben mit zehn Kindern und einem äußerst zwielichtigen Mann. Dem Kind ist die Frau fremd und unheimlich. Vor dem Schlafengehen muss sie mit ihr Lieder singen, zuhören, wenn die Großmutter die grausamsten Balladen deklamiert. Das Mädchen kann sie bald auswendig.

„Schwabs Gewitter entsetzte mich. ‚Oma, wir haben doch Blitzableiter, oder?‘, rief ich ihr ins Ohr. – ‚Ja, aber es gibt Kugelblitze. Die fliegen zum Fenster rein und wieder raus.‘“

Erst als Erwachsene erkennt sie:

„Sie hat mich in die Literatur eingeführt, ohne es zu wissen oder zu merken: Kunst als Ausdruck der Seele, ohne Kalkül, Prestigeanspruch und Angeberei, etwas, das bei aller geheimnisvollen Tiefe so natürlich zum Leben gehörte wie Mensch ärgere dich nicht und die BILD-Zeitung.“

Am Ende schließt sich der Kreis, als ihre alte Mutter und die zweiundneunzigjährige Tante Paula über Auguste erzählen und ihre Vorträge als „ein[en] Versuch, den Schrecken durch Kunst zu bannen“ deuten.

Auch die erwachsene Nora findet das in den Büchern. In jeder Lebensphase sucht sie dort Rückbezüge, Hilfestellungen, Anker. Nur zur Geburt – eine traumatische Erfahrung für die Protagonistin – findet sie kaum etwas. „Geburt schien nicht lyrikfähig zu sein.“

Der Roman umfasst ein ganzes Leben, inklusive drastischer Fehlentscheidungen Noras. Besonders bedrückend ist die Schilderung ihrer unglücklichen Ehe und die Darstellung der Enttäuschung, welche die unbeholfene Mutter mit ihrem distanzierten, immer feindseliger reagierenden Sohn erlebt.

Ein kluger, leiser Roman. Mit vielen Charakterbildern, die Nora „liest“: Archivare, Pfarrer, Schriftstellerinnen, Schüler, Schülereltern und Schuldirektoren. Für mich wirken zwar einige überzeichnet und ins Karikaturhafte getrieben. Andere Schilderungen waren mir auch zu betulich und/oder wiederholend (gerade, was den Schulalltag betraf).

Dennoch: „Orion“ war eine Lektüre, die mir vielerlei Berührungspunkte bot und zur Auseinandersetzung anregte, eine Leseempfehlung nicht nur für Lehrerinnen.

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