Kurz und gut? Kurz: mit Zeittabelle und Danksagung 143 Seiten dünn. Gut: ja, aber.
Kein erzählendes Sachbuch (wie sein letztes Buch über die Familie Mann in Sanary-sur-Mer), sondern eine Art historischer Roman, der vom Aufstieg und Niedergang des Glasmachers Johannes Kunckel erzählt – in Szenen, oft aus der Sicht seines Protagonisten, im unmittelbaren Präsens.
Der Kurfürst Friedrich Wilhelm hat seinem Alchimisten Johannes Kunckel eine Insel geschenkt, damit der dort ungestört sein Aufsehen erregendes rubinrotes Glas machen kann. Kunckel ist sein Ratgeber, Lieferant von Kostbarkeiten für die Brandenburgische Staatskasse. Nur Gold herstellen kann er nicht. Er zerreibt die Golddukaten zu Pulver und mischt sie mit geheimen Zutaten in die Glasschmelze. Rubinrot und ohne Bläschen. Es sind Geschenke für den Fürsten und seine Frau und Objekte, mit denen der Fürst Staat machen kann. Natürlich gibt es Neider am Hof, insbesondere den Erzieher des Nachfolgers, Danckelmann. Der ist am Ende auch für Kunckels tiefen Fall verantwortlich.
Illies erzählt wie immer sehr anschaulich und szenisch, hin und wieder ein bisschen abgehoben anachronistisch (Kann man von der „Patchworkfamilie“ eines Fürsten im 17. Jahrhundert sprechen?) oder betont altväterlich („Und unser Kunckel?“). Zunächst ist da noch die typische Ironie, mit der Illies gewöhnlich seine Bücher würzt, z.B. bei der Beschreibung des Kurfürstenpaares („das einzige deutsche Fürstenpaar, das stets im Doppelbett in den Krieg zieht“) und des Potsdamer Hofs, wo, nachdem Dorotheas fülliger Körper ins Korsett geschnürt ist, der Fürst seine Geburtstagsrede auf die Gattin so lange ausdehnt, dass ein „Magen am oberen Tisch laut zu knurren“ beginnt.
Oder in der personalen Sicht seines Protagonisten, der nach den Geschichten vom großen Reich, die ihm der Kurfürst erzählt, mit dem Zukunftsoptimismus des Herrschers hadert: „Aber vielleicht war es in den kargen Steppen Brandenburgs am Ende doch einfach zu kalt dafür?“
Illies‘ Altherrenwitz hätte ich allerdings nicht gebraucht.: „Ja, die Kurfürstin hat die ehelichen Pflichten sehr ernst genommen, so wie sie lebenslang jede Pflicht ernst genommen und Kurbrandenburg nach der Eheschließung im Jahrestakt Kinder geschenkt hat.“
Illies will die Atmosphäre der verwunschenen Pfaueninsel heraufbeschwören. Das gelingt oft, aber er rudert manchmal auch hart am Kitsch schrammend die Havel hinunter, wo die Schilfblätter am Ufer sich im eisigen Nordwind biegen und die Eichen schwer atmen.
Aus der SZ erfahren neugierige Leser, dass Florian Illies „strumpflos in Loafern aus braunem Leder zum Rundgang über die sandige Insel gekommen [ist] und […] sofort die ebenso stilsichere wie selbstgewisse Heiterkeit aus[strahlt], die auch seine Bücher durchzieht“. Hm. Was ich schon immer nicht wissen wollte.
Ich weiß jetzt was übers Glasmachen im 17. Jahrhundert und habe mich zwei Nachmittage lang von Florien Illies teilweise gut unterhalten gefühlt. Von den Aschekochern, Glasbläsern und Feuerjungen hätte ich gern mehr erfahren. Aber das wäre dann kein Buch von Florian Illies mehr gewesen.

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