Veza Canetti: Die Schildkröten

Durch das Porträt Veza Canettis in Kris Lauwerys‘ exzellentem Werk „Vom Licht in die Dunkelheit – Drei Frauen in Wien 1900 -1938“ (Besprechung hier) bin ich auf die Schriftstellerin aufmerksam geworden, deren Romane zu ihren Lebzeiten nicht erscheinen konnten.

Nur im „Roten Wien“ konnte sie ihre Erzählungen veröffentlichen. Nach der Errichtung der Diktatur 1934 hatte sie kaum mehr Publikationsmöglichkeiten in Zeitungen. Für „Die gelbe Straße“ (Besprechung hier) fand sie keinen Verlag. Veza Canetti verschwand hinter ihrem Mann, dem späteren Nobelpreisträger Elias Canetti.

„Veza Taubner ist nicht mit einem reichen Mann verheiratet, vielmehr bringt sie das Geld nach Hause. Dafür übersetzt sie, gibt Stunden in englischer Konversation und veröffentlicht -solange es noch möglich ist – ihre Kurzgeschichten. Erst 1967 wird Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen zugeben: ‚Die Schande meines Lebens, daß ich Veza nie die Angst um unser nacktes Brot genommen habe.‘“ (Lauwerys)

Sie verdiente in prekären Verhältnissen das Geld für beider Unterhalt durch Unterrichtsstunden, Lektoratsarbeiten, Übersetzungen. Im englischen Exil war sie Co-Autorin von Elias Canettis „Masse und Macht“. Ohne Namensnennung. Typisch für ein Schriftstellerinnen-Schicksal: Auch bei ihren Übersetzungen von John Cowper Powys und Upton Sinclair wurden laut englischer Wikipedia nur männliche Übersetzer genannt.

Veza Canetti bewunderte ihren Mann grenzenlos. Sie nahm seine zahlreichen Affären und langjährigen außerehelichen Liebesverhältnisse hin, seinen Verfolgungswahn und die Wutausbrüche und entwickelte zwangsweise ein eher mütterliches Verhältnis zu dem Schriftsteller.

1935 zogen die beiden aus der Leopoldstadt (im 2. Bezirk Wiens) ins idyllische Grinzing vor den Toren der Stadt. Lauwerys schreibt:

„Die Jahre im paradiesischen Grinzing bezeichnet sie in einem Brief als mein Höllenleben‘. Sie will ihren Mann verlassen, aber bleibt: ‚Wenn er auf Reisen ist, finde ich mich selbst allmählich, werde weit und glänzend und mich packt die Sehnsucht nach einem freien, gesunden, unbeschwerten Leben, ich möchte weg – weg von ihm. Wenn er zurückkommt überfällt mich Mitleid und solche Bewunderung seines Genies und seiner grenzenlosen Güte, daß ich wieder ins Alte verfalle.‘“

Im Grinzing des Jahres 1938 spielt auch der autobiographisch gefärbte Roman „Die Schildkröten“. Sie schrieb ihn unmittelbar nach ihrer Flucht nach England, fand auch einen Verleger (Hutchinson), der die Übersetzung herausbringen wollte. Als der Krieg begann, war das nicht mehr möglich. Veröffentlicht wird er erst lang nach Veza Canettis Tod (1963) aus ihrem Nachlass im Jahr 1999.

Es ist eine äußerst schmerzhafte Geschichte vom Untergang des Rechts, der Kultur und der Zivilisation – dargestellt an den Ängsten und der Existenznot eines Paares, das den Canettis sehr ähnelt. Sie erzählt kaum verhüllt ihre eigene Geschichte von Verfolgung, Bangen ums Visum, Angst vor Verhaftung, Folter und Flucht.

Daneben porträtiert sie in Dr. Kain, dem Mann der Protagonistin Eva,  ihren eigenen, in dem jungen Nachbarmädchen Hilde Elias Canettis Geliebte Friedl Benedikt. Die staatenlosen Canettis können in letzter Minute über Paris nach England fliehen.

„Du lebst immer noch in dem Wahn, daß sie nach einem Programm vorgehen. Sie gehen in Pogromen vor.“

Der Roman beginnt damit, dass Eva die Straße zu ihrer Wohnung hinaufgeht und im Garten eine Fahne erblickt, die jemand am Balkon befestigt hat. Sie verfängt sich beim Vorübergehen und fällt.

„Wer auf dem Boden liegt, bekennt seine Niederlage ein. Man hat nichts mehr zu tragen, wenn man liegt. […] Sie richtete die Augen nach oben und sah den Mann lächeln. Es lächelt so der Tod. Er blickte sie an, wiewohl mit hohlen Augen.“

Beide wissen, sie müssen ihre Wohnung und das Land verlassen. Als Juden haben sie kein Recht mehr auf ihre Bleibe. Ein SA-Mann wird sie ihnen wegnehmen. Sie warten auf das ersehnte Visum. Bei jedem Läuten an der Tür kommt die Angst wieder. Während Evas Mann, ein in seine Bücher und Papiere versunkener Gelehrter, sich vor der Realität verschließt, versucht Eva mit dem SA-Mann namens Pilz zu verhandeln. Wie Kain hat er einen sprechenden Namen. Pilz breitet sich aus – in der Wohnung wie in der Stadt.

Er ist Symbol für all das Schreckliche, das sie und ihre Freunde und Verwandte erwartet. Im Garten hält er den Nachbarskindern eine Predigt, warum er den kranken Spatz töten muss:

„Der kranke Spatz ist wie ein Krüppel. Ein Parasit. Ein Parasit, das ist dasselbe wie Schmarotzer.“

Später ist der Hund der alten Hauswirtin dran. Die ist trotzdem eine Parteigängerin. Denn Pilz hat ihr versprochen, ihr geliebtes Südtirol werde bald „befreit“.

Das quirlige Nachbarsmädchen aus betuchtem Haus hat eine irrwitzige Idee. Sie will ihre Freunde (und sich selbst) aus Österreich herausbringen und zwar mit einem Flugzeug, das sie Pilz abkaufen möchte. Natürlich geht die Sache, von der ihr Eva und Kain dringend abraten, schief. Ihr Vater geht für die Aktion, von der er nichts gewusst hat, ins Gestapo-Gefängnis. Das Foto des anvisierten „Aeroplans“ erweist sich als Fälschung – Dekorationsstück in einem Fotostudio.  

Die Situation wird schnell bedrohlicher. Die Frist zur Ausreise ist abgelaufen. Man wirft sie aus der Wohnung, bevor das Visum da ist. Die Möbel sind schon requiriert. Sie ziehen zum Bruder in seine Ein-Zimmer-Wohnung in der Stadt. Der hat schon einen Einquartierten, einen gläubigen Juden, eine tragikomische Figur. Das Novemberpogrom wird vor allem aus dessen Sicht drastisch dargestellt. Nur eine Verwechslung rettet Eva und Kain vor dem Abtransport ins Konzentrationslager.

Der Titel des Romans ist sein Leitmotiv und bezieht sich auf einen Korb voller Schildkröten, die Kain davor rettet, mit Hakenkreuzen versehen zu werden. Sie sind zäh, aber auch sehr verletzlich.

Trotz Veza Canettis oft unterkühltem, knappen Stil, der an manchen Stellen ins Biblische, in bitter-sarkastischen Humor und ins Groteske (ein Gastmahl für den SA-Mann) rutscht, kann man sich dem Geschehen kaum entziehen. Ein Roman über den ungeheuren Schmerz des Heimatverlusts und den Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts. Lesepausen sind unumgänglich. Eine intensive Lektüre.

Hintergrundfoto im Titel: eigenes Foto aus der Ausstellung „Wien im Winter“ im Wien Museum 2024

Foto Veza und Elias Canetti, ca. 1935: Quelle: Privatbesitz – Elias Canetti Erben, abgebildet in: https://www.deutsche-biographie.de

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