Emma Donoghue: Geschichte(n) aus Frankreich, England und Irland

Drei lesenswerte historische Romane der Autorin, die in Irland geboren wurde und jetzt in Kanada lebt. Alle drei gibt es bisher nicht in deutscher Übersetzung, was schade ist.

Die jüngste Veröffentlichung Donoghues ist „The Paris Express“ (2025), eine kurzweilige, historischen Ereignissen nachempfundene Geschichte über eine Bahnfahrt. Ein Roman in sieben Haltestellen.

Es geht vom „Monaco des Nordens“, von Granville in der Normandie, nach Paris. Die Geschichte spielt im Jahr 1895. Die Zugreise – ein klassisches literarisches Setting: das ganze Leben auf engstem Raum. Hier ist das als Gesellschaftsroman und Zeitbild interpretiert.

Die Spannung ergibt sich in diesem geschlossenen System von selbst. Eine Anarchistin steigt in Granville ein. Sie hat eine selbstgebastelte Bombe in ihrem Henkelmann. Keiner weiß es. Eine Schicksalsgemeinschaft sitzt nichtsahnend im Zug. Fahrer und Heizer drücken aufs Tempo. Man könnte einen Thriller vermuten, einen Kriminalroman wie „Mord im Orient-Express“ (1934) von Agatha Christie.

So verfährt Emma Donoghue aber nicht. Sie entfaltet vielmehr ein Panorama der französischen Gesellschaft zur Jahrhundertwende, verwebt historische und erfundene Figuren und erzählt dazu die aufregende Geschichte der Expressfahrt nach Paris, wie sie sich abgespielt haben könnte. Wenn man sich die Spannung nicht verderben will, googelt man die tatsächlichen historischen Abläufe erst nach der Lektüre.

„A railway carriage is as intimate as a dinner party, but one with no host and guests assembled at random.”

Und seiner Klasse (zugtechnisch wie gesellschaftlich) entkommt man auch nicht. Natürlich ist die Dritte Klasse am dichtesten bevölkert. Da sitzt die bretonische Fischersfrau, die ihre Austern für Paris im Gepäck hat, neben der alten Exilrussin Blonska, die schon bald ahnt, was das Mädchen mit den aufrührerischen Reden in ihrer „Warmhaltebox“ mit sich führt. Im Nachbarwaggon verkauft ein fliegender Händler aus dem Kaffee-Tank, den er auf dem Rücken trägt, heißen, später lauwarmen Kaffee, mit Aufpreis für Milch und Schnaps. Der irische Autor John Millington Synge traut sich kaum, die schöne Annah Lamor anzusprechen, das mondäne Halbweltmädchen aus Paris, das auch mal Modell für Gauguin stand. Es gibt belgische Tagelöhner, einen kambodschanischen Studenten, einen Priester, einen Missionar, einen unbegleiteten kleinen Jungen … Und fast jeder und jede hat eine Geschichte (auch der Fahrer, der Heizer und die beiden Zugbegleiter) – auch wenn sie nur zwei Sätze lang ist.

„Third Class is always placed at the front of the train so as to catch the brunt of the coal dust and of course so that in the event of a head-on collision, those in the cheap seats will do their duty by getting crushed before their betters.”

In der Zweiten Klasse geht’s etwas vornehmer zu. Hier sitzen der schwarzamerikanische Maler Henry Tanner, die kubanische Neurophysiologin Marcelle de Heredia. Beide haben ihre Erfahrungen mit der rassistischen Gesellschaft um sie herum:

“A pair of twits in her anatomy class once asked her to settle a bet as to whether she was a quadroon or an octoroon.”

Mit im Abteil ist der Erfinder Léon Gaumont (Gründer der berühmten Film-Produktionsfirma) mit seiner Sekretärin (und späteren Regisseurin) Alice Guy. Die ist mit der Zola-Geschichte, die sie gerade liest, nicht zufrieden:

„But this Zola book is verging on ludicrous, since virtually every character who sets eyes on a train seems to be driven to bloodshed as a result.”

Eine Vorausdeutung? Nein, gar nicht … Nur einer von mehreren literarischen Querverweisen.

Am nobelsten ist selbstverständlich die Erste Klasse ausgestattet, mit dickem Teppich, Samt und Leder. Hier und im unterwegs angekoppelten Privatwaggon sitzen diejenigen, auf die es die Anarchistin mit ihrer Bombe abgesehen hat.

Auch hier werden Bücher gelesen, meint die Erzählerin/Autorin, die sich dabei selbst auf die Schippe nimmt:

„Emma’s already immersed in her book, some yellow jacketed railway novel, probably sensationalist stuff. Of course, it’s hard to concentrate on anything serious when you’re on the move.”

Nach dem außerplanmäßigen Halt in Briouze hat der Zug Verspätung. Fahrer und Heizer geben alles, um doch noch rechtzeitig am Bahnhof Montparnasse anzukommen. Schließlich wollen sie ihr Weihnachtsgeld nicht verlieren, das nur dann gezahlt wird, wenn der Zug pünktlich ist.

Nebenbei erfährt man so eigenartige Details wie das von den absichtlich unterschiedlichen Uhrzeiten auf Bahnhofsuhren innen und außen (extra für Zuspätkommer so gestellt) oder das von der Berufstätigkeit eines Mannes, der als „alarm clock“ arbeitet:

„[W]aking up my twenty regulars. I tap on my windows with my pole. […] I use a peashooter for the ones above the second floor. […] When they bring the electric to Montparnasse, I don’t know what I’ll do. Maybe an angel. […] A guardian angel , it’s called. Restaurants pay them to guide drunken customers home.”

Ein sehr unterhaltsamer, gesellschaftskritischer Roman, der auch dazu anregt, sich mit den historischen Figuren zu beschäftigen, die Donogue so fein beschreibt. Manchmal habe ich über der Fülle der Figuren beim Wechsel des Waggons etwas den Überblick verloren, aber immer wiedergefunden. Schließlich können die Passagiere im Abteil ja nicht verloren gehen.

Den zweiten historischen Romans der Autorin habe ich vor zwei Jahren gelesen. „Learned by heart“(2023) ist eine englische Internatsgeschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts, geschrieben aus dem feministischen Blickwinkel des 21. Jahrhunderts.

Emma Donoghue erzählt die tragische Geschichte aus der Perspektive der Hauptfigur Eliza Raine (1791–1860), einer Frau, die es wirklich gegeben hat. Die ist die Tochter eines reichen Arztes der East India Company, der seine beiden Töchter zu heiratsfähigen englischen Damen machen möchte und sie deshalb im Kindesalter aus Indien nach England verfrachtet. Als er kurz danach stirbt, sind die Mädchen vollständig allein. Die Mutter, eine Inderin, hat keinerlei Rechte, über das Leben ihrer Töchter zu bestimmen. Eliza bekommt im Internat in York (in King’s Manor, s. Bildhintergrund) das schlechteste Zimmer, ein zugiges Dachkämmerchen angewiesen und versucht sich möglichst unauffällig zu benehmen, um die „Schande“ ihrer Dunkelhäutigkeit nicht noch größer zu machen. Ihre Haltung ändert sich erst, als Anne Lister (ebenfalls eine historische Figur, s. Bild) in die Schule und das Internat eintritt und das Zimmer mit ihr teilt. Lister (wie sie sich selbst nennt) ist für damalige Verhältnisse forsch, vorlaut und unangepasst. Eliza blickt zu ihrer Zimmergenossin auf, lässt sich von ihr zu Abenteuern außerhalb der Internatsmauern verführen und verliebt sich in Lister. Die erwidert Elizas Gefühle. Eine heimliche lesbische Liebe entwickelt sich. Dass die beiden ihre starke Zuneigung verheimlichen müssen, ist zu der Zeit selbstverständlich. Der Umschwung in der Geschichte kommt, als Lister die Schule nach einem Unfall verlassen muss und Eliza zurücklässt. Die verliert damit ihren einzigen Halt im Leben. Briefe können die Beziehung nicht retten. Lister entfernt sich von Eliza, hat Affären mit anderen Frauen. Eliza kann dies nicht verwinden, wird im Erwachsenenalter in eine Heilanstalt eingewiesen.

Das historische Vorbild der Figur stirbt dann auch in einer solchen Institution (s. Bild). Doch das erzählt Donoghue nicht; sie beschränkt sich auf die Internatszeit und auf immer wieder eingeschobene traurige und anklagende Briefe, die Eliza zehn Jahre nach dem Ende der Liebesbeziehung an Lister schreibt.

Man bekommt einen deutlichen Eindruck von der rassistischen Ablehnung, die Eliza aufgrund ihrer Abstammung erfahren muss, von den absurden und demütigenden Regeln des Internats und der starren Gesellschaftsordnung. Die Figur der Anne Lister ist einer breiteren Öffentlichkeit durch die BBC-Serie „Gentleman Jack“ bekannt geworden. Emma Donoghue hat das nun für Eliza Raine gemacht.

Charlotte Brontë hat sich das Motiv der eingesperrten „Wahnsinnigen“ in „Jane Eyre“ (1847) von Charlotte Brontë wohl von dieser historischen Figur entlehnt, deren Geschichte Jean Rhys in „Wide Sargasso Sea“ (1966) postkolonial aufgearbeitet hat.


Ein dritter empfehlenswerter historischer Roman Emma Donoghues ist „The Pull of the Stars“ (2020), der Roman über eine unterbesetzte Entbindungsstation in Dublin im Jahr 1918, wo es an allem fehlt. Er spielt zur Zeit der Grippeepidemie in ganz Europa.

Meine Lektüre ist lange her. Ich las den Roman ebenfalls in einer so besonderen Situation – während der Pandemie. Es gab da viele Parallelen …

„THE PUBLIC IS URGED

TO STAY OUT OF PUBLIC PLACES

SUCH AS CAFÉS; THEATRES; CINEMAS

AND PUBLIC HOUSES:

SEE ONLY THOSE PERSONS ONE NEEDS TO SEE.

REFRAIN FROM SHAKING HAND, LAUGHING,

OR CHATTING CLOSELY TOGETHER.

IF ONE MUST KISS,

DO SO THROUGH A HANDKERCHIEF.

SPRINKLE SUPHUR IN THE SHOES.

IF IN DOUBT, DON’T STIR OUT.”

Ein sehr bewegendes Buch. Manchmal zu heftig. Sehr irisch.

Hintergrundbild (Titel): http://www.bertberger.de

Hintergrundbild (The Paris Express): Claude Monet, La Gare Saint-Lazare, 1877 (Wikipedia)

Andere Hintergrundbilder: CC Commons

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