Zwischendurch …

war ich eine Woche in Grado, wo es nicht so heiß war wie zuhause. Drei Bücher habe ich mitgenommen, zwei davon durchgelesen, eines angefangen. Mehr war nicht drin. Zwei Reisegefährten wollten abends immer Fußball schauen …

Auf Empfehlung von buchpost hatte ich mir Patrick Bringleys Memoir „All die Schönheit dieser Welt“ gekauft (Untertitel: Eine Geschichte über Kunst, Leben und Verlust) – in deutscher Übersetzung 2026 als Taschenbuch bei Ullstein (Übersetzung: Jochen Winter).

Was muss passieren, dass man seinen gut bezahlten Job beim „New Yorker“ aufgibt und stattdessen Museumswärter im Metropolitan Museum wird?

Davon erzählt Patrick Bringley in seinem Buch „über Kunst, Leben und Verlust“ unterhaltsam und oft eindringlich. „All die Schönheit in der Welt“ soll ihm Trost spenden und Neuanfang werden, nachdem sein geliebter Bruder gestorben ist. Zehn Jahre arbeitet Bringley als Aufsichtsperson in den Abteilungen des großartigen „Met“ und erzählt über die Kunst, seinen Alltag im Museum, Kollegen und Besucher, seine Familie, den Tod des Bruders und seine Trauer. Er spannt einen Bogen von persönlicher Kunstbegegnung und -didaktik über Beobachtungen der Besucher und Anekdoten (Vandalismus und Diebstahl im Museum) bis hin zur Geschichte seiner Familie.

Ein lebensbejahendes, freundliches Memoir, keine trockene kunstgeschichtliche Abhandlung – auch wenn viele Kunstwerke ausführlich und liebevoll besprochen werden. Manchmal erklärt Bringley für meinen Geschmack zu viel und bewundert zu sehr. Wenn hin und wieder die Didaktik oder seine Lebensphilosophie in den Vordergrund rücken, wenn er gelegentlich Ausflüge in die Selbstoptimierung unternimmt, wird mir die Erzählung zu platt (anders gesagt: zu amerikanisch). Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen, schließlich war ich vor langer Zeit auch mal im Met (Bilder) und hatte viel vergessen.

Das Met hat im Übrigen eine ausgezeichnete Website, auf der man die Bilder, von denen Bringley erzählt, anschauen kann. Im Anhang seines Buches sind alle besprochenen Kunstwerke aufgelistet.

Eine viel ausführlichere und deutlich enthusiastischere Rezension findet man auf dem Blog von buchpost.

Wenn in Italien, dann auch ein Buch, das in Italien spielt. Da ich drei von Hans-Ulrich Treichels Büchern früher mal gern gelesen hatte („Der irdische Amor“, „Tristanakkord“ und „Der Verlorene“), fiel mein wohlwollender Blick in der Buchhandlung auf seinen neuen Roman „Das Karussell“.

Ein Buch über unerfüllte Träume, die Sehnsucht nach der zweiten Chance. Ein Ruhestandsroman über die Unruhe, die Männer befällt, wenn sie ihre Routine und ihren Lebensinhalt verlieren. (Seltsam, dass mir noch kein Buch in die Hände gefallen ist, das die „zweite Chance“ einer weiblichen Figur in den Mittelpunkt stellt …) Die beiden anderen Romane zum Thema, die ich in letzter Zeit gelesen habe, waren: R. C. Sherriff, „Vor uns die Zeit“ und Jürg Beeler, „Josef Lautenbachers Reise nach Flätz“.

Handlungsort ist neben Berlin (wo der Protagonist zuhause ist) hauptsächlich das süditalienische Salerno, wo nicht gerade die Zitronen blühen, sondern neben dem Strandbad an der Ausfallstraße die Gewerbebauten.

Es ist eine wenig touristische Umgebung, in die es den angehenden Fachhochschul-Dozenten Bernhard verschlagen hat, während er auf die versprochene Stelle in Deutschland wartet. Treichel erzählt aus der Perspektive des fast Siebzigjährigen, der auf sein italienisches Semester sehnsuchtsvoll zurückblickt.

Er ist gegen alle Fährnisse des Alters geimpft, auskömmlich versorgt, geschieden und allein. Gelegentliche Arztbesuche füllen seinen Alltag nicht aus. Es wird ihm von kundiger Seite versichert, nach dem siebzigsten Lebensjahr gehe es bergab. Er solle den Tag nützen.

„Aber es war dann doch ein wenn nicht gerade schicksalhafter, so doch glücklicher Umstand, dass er sich genau in dem Moment, als ihm seine eigene Versorgtheit und Routine als Ruheständler zur Last zu werden drohte, aufgefordert fühlte, noch einmal an den Ort zurückzukehren, wo ein Abschnitt seines Lebens sich nicht nur nicht erfüllt hatte, das wäre auch wohl zu viel verlangt gewesen, sondern nur abgebrochen worden war. Letzteres aber war ohne Zweifel zu wenig.“

Er bricht auf, um die Liebe zu finden, die Frau, die vielleicht das Glück für ihn bedeutet hätte, wenn er sich getraut hätte, wenn er länger in Italien geblieben wäre, wenn der Kairos ihn gefunden hätte. „Möglicherweise hatte er ihn nicht bemerkt beim Vorbeieilen. Der flüchtige Gott ließ ihn im Stich“.

Rückblickend wird erzählt, wie Bernhard auf Alfredo trifft, den künftigen Besitzer eines Strandbades, auf dessen alten Onkel und eine faszinierende Verwandte namens Arianna. Es sind seine einzigen Kontakte abseits der Universität.

Alfredo hat einen Traum. Sein Onkel hat vor Jahren ein altes marodes Karussell gekauft. Es liegt in Einzelteilen im Lagerhaus und wartet auf den entscheidenden Moment (wie Bernhard auf das Lebensglück). Das Karussell soll sich wieder drehen, die Attraktion des Strandbads werden. Höchst symbolträchtig.

Dokumente werden gewälzt, alte Konstruktionspläne gesichtet, erste Reparaturen vorgenommen. Arianna hilft, sie ist passenderweise Bauingenieurin. Bernhard hilft auch (so gut er kann) und verliebt sich in Arianna.

Man wartet auf den entscheidenden Augenblick für beide, Alfredo und Bernhard. Für ihn wäre das die Aussprache, die Erfüllung seiner Träume oder die brüske Abweisung, für alle das furiose Finale. Doch Bernhard und Alfredo (und Treichel) lassen die Leser warten, bis man es kaum noch aushält: 203 Seiten lang. Man leidet mit dem Protagonisten, der ein großer Zögerer ist, und hofft so sehr!

Treichel reiht Episode an Episode. Wunderbar erzählt beispielweise der Empfang des jungen Dozenten beim selbstherrlichen Rektor der Universität oder das Zeitunglesen am Lungomare, bei dem Bernhard so tut, als ob er hinter der Zeitung die Angebetete nicht sehen würde, oder seine Lektüre des Physikhandbuchs und einschlägiger Seiten im Internet zur Bewegungslehre, insbesondere zur Kreisbewegung und zum Beharrungs- oder Trägheitsgesetz (sic).  

Humorvoll. Lakonisch. Meisterhaft erzählt zweifellos. Aber so viele verpasste Chancen? Wahrlich kein Abenteuerroman.

Das dritte Buch der Reise habe ich noch nicht beendet: Sarah Moss, „Ripeness“ (s. Bild). Andere Dinge sind ja auch schön, wie z. B. am Strand sitzen und aufs Meer schauen (siehe oben).

“Wer am Lungomare schwieg, der schaute auf das Meer. Und wer auf das Meer schaute, der war beschäftigt. Der zählte die Wellen. Oder er dachte an sein Bankkonto. Oder an die Ewigkeit. Oder an was auch immer.” (Treichel, „Das Karussell“)

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