Sarah Moss: Irland, England, Italien, Schottland

Edith, die Protagonistin und Erzählerin in „Ripeness“ hat vier Pässe: einen irischen, einen englischen, einen französischen und einen israelischen.

Die beiden zuletzt genannten hat sie von ihrer Mutter, einer jüdisch-französischen Frau, die als Heranwachsende von ihren Eltern ins sichere England geschickt wurde, um dem Tod durch die Nazis zu entkommen. Deren Eltern hatten sich Jahre zuvor aus der Ukraine nach Frankreich gerettet.

„She was not a Good Refugee, not prostrate with gratitude for food and shelter and work of any kind, not willing to forget the education and expectations of her people.”

Ediths Vater ist ein Schaf-Farmer in Derbyshire, der ihrer Mutter das Dasein als inkompetente Haushaltshilfe in einem englischen Haushalt erspart hat. Heimisch ist „Maman“ (wie die Kinder sie nennen) in England nicht geworden.

Ebenso wenig wie Edith selbst, die sich im fortgeschrittenen Alter hat scheiden lassen. Sie lebt nach ruhelosen Jahren, in denen sie versucht hat, nicht wie „Maman“ zu werden, scheinbar abgeklärt in einem Cottage an der irischen Westküste. Edith hat aber das prägende Erlebnis ihrer Jugend nicht verarbeitet und hadert damit. Es wird an die Oberfläche gespült, als ihre irische Freundin einen Brief aus den USA erhält, in dem sich ein unbekannter Bruder ankündigt, der durch einen DNA-Abgleich herausgefunden hat, dass er Verwandte in Irland hat.

Politische und persönliche Geschichte werden in Ediths Geschichte eng verflochten. Fragen der Zugehörigkeit, der biologischen und nationalen Identität tun sich auf. Konflikte entstehen, als infolge des Ukraine-Kriegs Flüchtlinge ins Dorf kommen und insbesondere, als später junge Migranten eine Asylunterkunft in der Nähe beziehen sollen. Die Freundin ist unter den Demonstranten:

„I’m sure they’re nice enough lads but lads all the same, watching our girls in their shorts. Coming from Africa, you know yourself the ideas they have about women over there. The Ukrainians are one thing, women and kids, we all understood that, but this – The place is just already full, that’s the long and short of it, why don’t they keep them up in Dublin if they’re so welcome? Edith closes her eyes. This. This. This again, here.”

Edith wendet sich ab, ist innerlich aufgewühlt, aber unwillig, sich einzumischen. Sie ist selbst heimatlos, eine Außenseiterin – früh traumatisiert durch das Schicksal der (oft abwesenden) Mutter, deren Wurzeln gekappt wurden.

„She wants, she thinks, another immigrant to agree with her that national identity isn’t genetic, that blood doesn’t give you rights of ownership, whatever the passport rules say.”

„Ripeness“ ist äußerlich ein Roman in zwei Teilen. Einer spielt in Irland (mit Rückblenden auf die Kindheit in England), einer in Italien am Comer See. Die beiden Teile sind allerdings eng ineinander verschlungen.

Edith entschließt sich (angeregt durch die Familiengeschichte ihrer Freundin), einen langen Brief an ein verlorenes Kind zu schreiben. Aus der Ich-Perspektive erzählt sie von der lebensprägenden Erfahrung eines mehrwöchigen Aufenthalts in Italien in den 60er Jahren. Vor ihrem Studium in Oxford soll sie raus aus Derbyshire, Weltluft schnuppern. Als Erstes hat die siebzehnjährige Schulabsolventin aber einen Auftrag ihrer Mutter zu erledigen. Ediths ältere Schwester ist hochschwanger und von ihrem vermögenden Liebhaber, dem Chef einer Londoner Ballettcompagnie, für die Geburt in sein Landhaus am Comer See geschickt worden. Dort soll sie das Kind bekommen, das sie nicht will, und dann nach London zurückkehren und weiter tanzen.

Diese Passagen, die etwa die Hälfte des Romans ausmachen, sind besonders beeindruckend. Die Jugendliche ist fast völlig auf sich allein gestellt und noch dazu „lost in translation“, als sie gezwungen ist, ihrer Schwester bei der Geburt beizustehen. Das ungewollte Kind liegt dann fünf Tage buchstäblich in ihren Armen. Natürlich hat das Konsequenzen für ihre Entwicklung.

Mit dem Titel „Ripeness“ spielt Sarah Moss auf ein berühmtes Zitat aus Shakespeares Drama „King Lear“ an. Deutsch lautet es: „Reif sein ist alles“. Edith steht in einem Obstgarten am Comer See und kriegt zwischen reifen Pflaumen und Birnen ihre klassische Bildung nicht aus dem Kopf. Sie hat (wie die Autorin) eine Arbeit darüber geschrieben, worin der Unterschied zwischen Reife und der Bereitschaft liegt, zu der Hamlet gelangt („Bereitsein ist alles“):

“I‘d managed to get it into my Oxford entrance exam, my idea that Lear is a darker play than Hamlet. [R]eadiness is voluntary, an act of will, where Lear’s ripeness happens to us as to plums and pears, regardless of agency or volition.”

Ihrem Gesprächspartner in der Obstplantage, einem Bekannten der Schwester und Tänzer aus der Londoner Tanztruppe, traut sie ein so philosophisches Gespräch allerdings nicht zu. Sie selbst gelangt in den wenigen Wochen, die sie am See verbringt, gezwungenermaßen zu einem gewissen Grad der Reife.

Man staunt, welcher umfassende literarische Kanon in englischen Schulen der 60er Jahre behandelt wurde. Im Roman begegnen den Lesern nicht nur Shakespeare, sondern auch George Eliot oder Gerard Manley Hopkins. Moss lässt die Leser da an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben (vgl. Interview). Daneben irische und europäische Geschichte (englischer Kolonialismus, Hunger und Auswanderung, uneheliche Frühschwangerschaften, die berüchtigten Magdalenen-Wäschereien, Pandemie, Flüchtlingskrise …)

Sehr anrührend, besonders im italienischen Teil. Atmosphärisch glänzend erzählt.

Wie auch in „Summer Water“, dem zweiten Roman, den ich von Sarah Moss gelesen habe. Der ist 2023 im Unionsverlag auch auf Deutsch erschienen, übersetzt von Nicole Seifert.

Er spielt in Schottland, in einer Landschaft im strömenden Regen.

Familien machen Urlaub in alten Holzhütten am See. Es schüttet den ganzen Tag. Selbst drin wird es feucht und ungemütlich. Trotz der Abgeschiedenheit des Ferienparks, der nur über eine einspurige Straße erreichbar ist und wo selbst das Handysignal fehlt, gibt es keine Ruhe. Schon zweimal war an Schlafen kaum zu denken: Eine osteuropäische Familie hat lautstarke Partys gefeiert. Man beäugt die Störenfriede misstrauisch, sagt aber kein Wort zu ihnen.

Sarah Moss lässt zwölf der Bewohnerinnen und Bewohner der Feriensiedlung zu Wort kommen. Von der Morgendämmerung bis in die Nacht werden in erlebter Rede sehr unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse dargestellt. Vignetten des Denkens und Lebens.

Eine junge Frau geht trotz des Wetters laufen. Ein halbwüchsiges Mädchen langweilt sich, hasst ihre Eltern dafür, dass sie gezwungen wird, hier zu sein, ein Junge setzt sich ins Kanu und paddelt gegen den Wind und den Regen an, bis er seine Finger nicht mehr spürt. Eine alte Frau, die spürt, dass sie die richtigen Worte nicht mehr findet, versucht ihrem Mann ihren Zustand zu verheimlichen, …  Nicht viel Handlung, immer wieder beunruhigende Signale, Vorzeichen und ein großes Finale.

Dazwischen immer wieder Natur im Regen. Füchse, Eulen, Mäuse.

Atmosphärisch dicht, mit viel trockenem Humor und großem Gespür für die Lebenssituationen der verschiedenen Generationen erzählt. Inklusive einer denkwürdigen und brillant geschilderten Bettszene. Ein hervorragendes Sommerbuch – gerade auch für Hitzewellen geeignet.

(In lebendiger Erinnerung an eigene Regenferien in einer schottischen Hütte, besonders an einen Tag, an dem eine Kuh direkt vor der Tür stand.)

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