Leni wohnt am „Ende der Welt“, in einem alten, nicht mehr genutzten Bahnhof, zusammen mit ihren Eltern und fünf Geschwistern. Eine scheinbar verwunschene Welt irgendwo auf dem Land in Thüringen. Natürlich trügt die Bullerbü-Idylle. Die Eltern sind da nicht ganz freiwillig hingezogen. Kindheitsfotos vor der Bahnhofszeit existieren nicht. Der Vater sei auf einer langen Reise gewesen, wird ihr erzählt. Eine Zeitlang ist sie bei Verwandten untergebracht. Es gibt Träume, verschwommene Erinnerungen an ein Krankenhaus – und an Lori, die verschwundene ältere Schwester, über die nicht gesprochen wird. So, als habe sie nie existiert.
Die Erzählung setzt im Jahr 1995 ein. Leni ist ein Teenager. Sie ist gerade aus dem Gebälk einer Scheune tief gefallen, hat sich schwer verletzt. Die Narben, die sie von dem Sturz zurückbehält, sind allerdings nicht ihre einzigen. Besonders auffällig: die Narbe auf ihrem Schädeldach. Auch die Eltern haben merkwürdige „Schmisse in den Handinnenflächen“. Fragen werden abgewehrt. Niemand sagt etwas. Leni findet den Mutterpass ihrer Mutter. Sieben Kinder, nicht sechs sind verzeichnet. Leni fängt an zu graben.
Aus Schuld und Scham ist Verdrängung geworden. Das Schweigen in der Familie wird für alle zur Bedrückung. Die Mutter zieht sich zurück.
„[Ihr] ritualisierte[s] Reinigen war Notwendigkeit, Pflichtübung, Ablasshandel. Es war kein Akt der Fürsorge. Man wartete nur darauf, dass Mama die Tür hinter sich zuzog und in ein anderes Leben entschwand.“
Der Vater steuert das Familienleben. Schließlich ist er Rettungssanitäter „und zu Hause unser viel beschäftigter Erstversorger. Immer war er augenblicklich zur Stelle, wenn wir Treppen hinunterstürzten, mit Rädern und Skateboards verunglückten, uns im Streit die Köpfe einschlugen oder verletzten. […] Es ging verblüffend oft gut aus. Und wenn nicht, dann legte Papa Druckverbände an, nähte Fleischwunden, fixierte gebrochene Knochen.“
Keines der Geschwister kommt ungeschoren davon.
Man kommt dieser Ich-Erzählerin nicht sehr nahe. Sie entzieht sich über weite Strecken, springt zwischen den Zeiten hin und her. In ihrer Geschichte klaffen große Lücken. Denn sie muss sich ihre Vergangenheit und die ihrer Eltern aus Bruchstücken zusammensetzen, die sie erst nach und nach in einem schmerzhaften Prozess zu verstehen beginnt: Viel DDR-Geschichte und -verstrickung. Es geht um die Macht und den Machtmissbrauch der staatlichen Organe, um persönliche Verantwortung und die Weitergabe eigener Verletzungen und Fehler.
Man beobachtet sie beim Aufwachsen, sieht, wie sie sich Annäherungen entzieht, immer wieder flieht und verschließt.
Die Geschichte endet kurz vor einer großen Reise der längst erwachsenen Leni. Ob sie die auch antritt, bleibt offen. Sie ist ein tief verletztes Wesen. Medikamente und Therapie haben ein nach außen hin beinahe normales Leben möglich gemacht.
Anousch Muellers Roman erinnert ein wenig an Lina Schwenks „Blinde Geister“ (Besprechung hier), auch eine Befreiungsgeschichte vom Schweigen und vom elterlichen Trauma. Es ist allerdings deutlich weniger szenisch erzählt. Auch das Ende ist ambivalenter. Es scheint weniger von Optimismus getragen. Denn Leni muss sich wieder entscheiden, ob sie die Realität zulassen kann.
Man muss sich Lenis Leben beim Lesen selbst zusammensetzen und ist betroffen von so viel Schweigen und Traumatisierung. Zu viel für einen so kurzen Roman (205 Seiten).
Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar

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