Georg-Büchner-Preis 2026 für Christine Wunnicke

Ich freue mich sehr!

Zwei ihrer Bücher habe ich gelesen. Beide sind im Berenberg Verlag erschienen (der seine Geschäftstätigkeit in diesem Jahr leider eingestellt hat).

Der neueste Roman von Christine Wunnicke „Wachs“ (2025) spielt in Paris im 18. Jahrhundert vor und während der Revolution.

Grelle Augenblicke und farbige Streifzüge. Filigrane Pflanzen-Ansichten. Anatomische Eingriffe. Eine innige Liebesgeschichte zwischen zwei außerordentlichen Frauen, die sich durchsetzen konnten. Die Figuren sind historisch verbürgt.  Die Liebe und die ganze Welt darum herum hat Christine Wunnicke meisterhaft erfunden.

Elegant und mit feinem Humor erzählt. Knapp. Karg. Fremd. Faszinierend.

Es begegnen sich in Wunnickes kurzem Roman: Madeleine Basseporte, Zeichnerin und Malerin, berühmt für ihre Pflanzendarstellungen, und Marie Biheron, deren außergewöhnliche anatomische Wachsmodelle sogar in den Vitrinen von Marie Antoinette ausgestellt wurden.

Die fünfzehnjährige Apothekerstochter Marie wird von ihrer Mutter in den Zeichenunterricht  von Madeleine geschickt, zum Bordürenmalen. Sie soll etwas lernen, womit man auch Geld verdienen kann, meint die Mutter. Denn mit Leichenaufschneiden und -sezieren (Maries Leidenschaft) könne man sich nicht durchs Leben bringen. Die junge Marie fühlt sich zu der viel älteren Madeleine hingezogen und verliebt sich in sie. Madeleine sträubt sich zunächst gegen ihre Gefühle für das Mädchen. Nach einer vorösterlichen Zeremonie in Notre Dame, in der das Fastentuch fällt und die ganze goldene Pracht des Altarraums sichtbar wird, wehrt sich Madeleine nicht mehr gegen Marie. Eine Art Erweckungserlebnis. Die beiden Frauen werden ein Paar und bleiben es bis zum Tod.

Madeleine steigt zur Hauptzeichnerin im Naturhistorischen Kabinett des Jardin du Roi auf. Irgendwann erlaubt man ihr gnädigerweise sogar, ihre eigenen Werke zu signieren. Sie verdient Geld (die Hälfte ihres Vorgängers), unterrichtet am Hof, schreibt bittere Briefe über all die Ungerechtigkeit an Linné und verbrennt sie sofort. „Sie fühlte sich wie die Königstochter im Märchen, die ihre Sorgen ins Ofenrohr schreibt.“ Marie hat zunächst weniger Erfolg: „Zehn Jahre lang war sie fleißig gewesen, hatte sich winters über Leichen, sommers über Bücher gebeugt und war nun der beste Anatom von Paris[;] doch kein Beruf war ihr daraus erwachsen.“

Neben diesen beiden Hauptfiguren ist noch Platz für ganz Paris. Schuster und Musikanten, Händler und Prostituierte. Revolutionäre mit und ohne Kopf und allerlei Getier. Gezeichnet mit allen Sinnen. Ein böser satirischer Blick fällt auch auf Denis Diderot und auf den Erfolgsschriftsteller Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre, dessen Roman „Paul und Virginie“ Marie wegen dessen lächerlicher Frauendarstellung verabscheut.

185 Seiten zum Lesen und Staunen.

(Im Josephinum in Wien kann man sich anatomische Wachsmodelle anschauen – ein bisschen zum Gruseln.)

2013 (und in einer Neuausgabe 2021) erschien „Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood„. Von Chicago nach Hollywood. Jedenfalls beinahe.

Die erste Verfilmung des „Grafen von Monte Christo“ beendete die Selig Polyscope 1908 schon in Edendale, Los Angeles, eine der ersten „Hollywoodproduktionen“.

Für Außenaufnahmen war Chicago eher ungeeignet. Wenn sich eine Wolke vorschob, musste man die Aufnahme abbrechen. Den Lichtspielleiter Francis Boggs ärgerte das jedenfalls. Er wollte nach Kalifornien.

„ Und er träumte, dass er ein Lichtspiel machte, ein Lichtspiel in El Dorado, mit Orchester, mit Helden, mit Pistolen, mit Löwen und Tigern und einem Siedlermädchen, das in rubinroten Schuhen auf einer dottergelben Pflasterstraße läuft, […] in der goldenen Sonne von Paradise, Kalifornien.“

Sein Chef William Selig war noch nicht überzeugt, obwohl ihm Edisons Patente für Filmkameras in Chicago Kummer bereiteten. So sehr, dass er zu seiner Frau sagte, sie müssten zurück nach Böhmen gehen. Der Auftrag des Fleischfabrikanten Armour für einen Werbefilm kam da gerade recht. Dessen schlechter Ruf sollte dringend verbessert werden. Jemand redete ihm zwar ins Gewissen, das Lichtspiel solle doch Volksaufklärung betreiben. Vielleicht war es Upton Sinclair, der einen Roman über die Schlachthöfe Chicagos schrieb. Aber Armour hatte Geld.

Irgendwann folgte Selig mitsamt seinem Privatzoo seinem Lichtspielleiter Boggs  dann doch ins sonnige Kalifornien, wo der bereits ein florierendes Stummfilmbusiness aufgebaut hatte. Der Löwe aus Seligs  Zoo überlebte die Firma und brüllte später für Metro Goldwyn Mayer.

Christine Wunnicke hat einen sehr unterhaltsamen Kurzroman über die Filmpioniere geschrieben, eine Geschichte, die auch dann Spaß macht, wenn man vom amerikanischen Filmgeschäft keine Ahnung hat. Die einzelnen Stationen der skurrilen Gestalten werden mit viel lakonischer Ironie und so knapp dargestellt wie kurze Stummfilme. Filmgeschichte und Zeitgeschichte.

Bilder zu „Selig & Boggs“ 2, 3, 5: Wikimedia Commons

Ich mochte beide Bücher sehr. „Wachs“ ganz besonders.

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