Herrschaftliche Häuser, weitläufige Gärten mit üppiger Vegetation: In zwei italienischen Klassikern spielen sie Hauptrollen – als Metaphern der Abgeschiedenheit und Isolation, als Symbole eines verfallenden, verlorenen Paradieses.
Giorgio Bassani veröffentlichte „Die Gärten der Finzi-Contini“, den autobiographischen Roman, mit dem er berühmt wurde, 1962. Er spielt in Ferrara, der Stadt seiner Jugend, in die er nach dem Krieg nie mehr zurückkehrte. Zu schmerzhaft waren offenbar die Verwundungen, die man dem jüdischen Schriftsteller zugefügt hatte. Es ist die Geschichte einer unerfüllten Liebe, die Geschichte einer Jugend im Widerschein des Faschismus.

Beides tragisch und bewegend, aber manchmal schwergängig. Der Erzählsog zog die Leserin nur sehr langsam in die Handlung hinein. Zu Diskussionen über italienische Schriftsteller fehlt mir der Bezug. Da musste ich einiges flüchtig überlesen. Auch der namenlose Erzähler (und Protagonist) macht einer heutigen Leserin ein paar Schwierigkeiten. Bordellbesuche werden ganz selbstverständlich abgehakt. Die für heutige Verhältnisse übergriffigen Annäherungsversuche des jungen Mannes (wiewohl gleich bereut) an die unwillige geliebte Frau, stoßen mich ab. Seinen Umgang mit Freunden finde ich seltsam. Er vertraut ihnen nicht. Es sind die Merkwürdigkeiten eines sehr verwirrten jungen Mannes, der sich in der Welt zurechtfinden muss.
Eindrucksvoll und letztlich verantwortlich dafür, dass ich das Buch am Ende nicht mehr weglegen wollte, sind zwei Aspekte:
Erstens die Darstellung der schleichend daherkommenden Verfolgung der Juden. Die meisten der ferraresischen Juden waren anfangs in der faschistischen Partei – bis man sie ausstieß, bis man sie aus dem öffentlichen Leben verbannte, bis man ihnen den Besitz und das Leben nahm.
„Während keiner weiß, ob Micòl, die Zweitgeborene, ihr Vater, Professor Ermanno, ihre Mutter Olga und deren gelähmte uralte Mutter, Signora Regina, die alle im Herbst 1943 nach Deutschland deportiert wurden, überhaupt ein Grab gefunden haben.“ (Prolog)
Zweitens: Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jüdischen aristokratischen Familie der Finzi-Contini und ihres verwinkelten Palasts und herrlichen Gartens.
Der Erzähler verliebt sich als Schüler in die geheimnisvolle Micòl und das verwunschene Paradies ihres Gartens und kann sich nie davon lösen. Später kann er in der enzyklopädischen Bibliothek des Professors seine Examensarbeit vollenden, nachdem ihm die öffentliche Bibliothek nicht mehr Einlass gewährt. Ein Lesegenuss!
„Suchend blickte ich mich um, die Augen vor dem blendenden Licht halb geschlossen. Zu meinen Füßen erstreckte sich […] die mächtigen Baumkronen vom Mittagslicht überflutet wie in einem tropischen Wald, der Barchetto del Duca: unermeßlich weit, wahrhaft endlos, in der Mitte halb im Grün verborgen, die Türmchen und Zinnen des magna domus, und in seinem ganzen Umfang von einer Ringmauer umgeben, mit einer einzigen Lücke einen Viertelkilometer weiter, um nicht den Lauf des Canale Panfilio zu unterbrechen.“
Als der Tennisclub Juden rauswirft, öffnet die Familie ihren Tennisplatz und den Garten den Freunden und Bekannten. Alleen, kleine Wälder, Lichtungen, eine Remise, einen Bauernhof, Wohnungen für die Bediensteten. Zehn Hektar erkundet der Protagonist mit seiner Freundin Micòl per Rad und zu Fuß. Wallfahrten nennt er das. Man erwandert den Garten mit den beiden Figuren und verliebt sich in ihn. Der deutsche Übersetzer Herbert Schlüter hat ihn wegen seiner Opulenz gleich noch in den Plural gesetzt (vgl. Titel), was nicht dem italienischen Original entspricht – und auch nicht der Verfilmung von Vittorio De Sica.

Giorgio Bassani war dafür verantwortlich, dass ein anderer Klassiker der italienischen Literatur überhaupt erscheinen konnte: Giuseppe Tomasi di Lampedusas wunderbarer Roman „Der Leopard“ (1958).
Bevor Bassani sich für den Autor einsetzte, war der Roman von anderen Verlagen als rückwärtsgewandt abgelehnt worden.
Rückwärtsgewandt ist er tatsächlich. Der historische Roman befasst sich mit vornehmlich mit der Aristokratie bzw. ihrem Verfall. Und das auf sprachlich höchst eindrucksvollem Niveau. Die kongeniale Übersetzung lieferte Burkhart Kroeber.
Das langsame Vergehen und Sterben wird schon zu Beginn mit der Schlussformel des Ave Maria eingewebt, zunächst nur als Rosenkranzgebet im fürstlichen Haus, dann in der so sinnlichen Beschreibung des Gartens. Der wirkt für den Fürsten beim Spaziergang am Abend wie ein Friedhof, sendet aber betörende Düfte aus, „ölig, fleischlich und leicht faulig“: Nelken, Rosen, Magnolien, Minze, Akazie, Myrte und „ein erotischer Hauch von ersten Orangenblüten“. Der Fürst erinnert sich an den Verwesungsgeruch, den ein toter Soldat verströmt hat, der sich einen Monat zuvor sterbend in den Garten gerettet hat.
Mit der Erwähnung des Soldaten ist die Geschichte Italiens im 19. Jahrhundert in den Roman eingezogen, das Ende der Bourbonenherrschaft in Sizilien, die Freiheitskämpfe, die Landung Garibaldis, später die Einigung Italiens und der Aufstieg des Bürgertums. Der Untergang des Adelsgeschlechts der Salinas wird mit dem Tod des Fürsten besiegelt.
Die Darstellung seines Sterbens, die Abrechnung mit seinem Leben, ist einer der Höhepunkte des Romans, metaphorisch als „das schreckliche Tosen in seinem Innern“ beschrieben. Traurig und schön zugleich. Aber damit endet der Roman nicht: Im letzten Kapitel wird dem Sterben des Fürsten die Lächerlichkeit der Überlebenden seines Geschlechts gegenübergestellt. Die so verehrten Reliquien in der Hauskapelle haben sich als falsch erwiesen.
Man kann den Roman immer wieder lesen – oder sich Luchino Viscontis Verfilmung anschauen (eher nicht die neue auf Netflix). Dazu eignet sich ein sizilianischer Wein ganz besonders.


Den Anstoß, den Roman von Tomasi di Lampedusa zu lesen, gab Michael Maar mit seinem Buch „Leoparden im Tempel. Portraits großer Schriftsteller“. Hamburg, 2023.
Kein Klassiker, aber ein Roman mit Haus und Garten wie die beiden italienischen Immobilien, ist Eva Menasses neues Buch „Alleinruhelage“ (ET 13.8.26). Sehr gute Sommerlektüre! Mehr demnächst.
Bildhintergrund zu Bassanis Roman von Unsplash, alle anderen Bilder selbst gemacht (Blogtitelbild unter Verwendung eines Bildes von Mary Ellen Bartley in einer Ausstellung in Bologna, Bild Fußballmannschaft: Buchheimmuseum Bernried, Bildhintergrund zum „Leoparden“: Hauswand in Verona)

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