Deborah Levy: Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein

Was soll die Katze?

Sie schleicht durch Deborah Levys Buch „Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein“ wie ein roter Faden. Kein Faden, ein geisterhafter, katzenhaft leiser Nebel. Ein bisschen so surrealistisch wie Leonora Carringtons Katzen auf dem Buchcover von Levys jüngstem Werk: eine Annäherung an die große Gertrude Stein, neugierig, vorsichtig tastend, ohne Ehrfurcht.

Ihr Versuch, einen Essay über Gertrude Stein zu schreiben, mündet in einen Roman über den Versuch, einen Essay über Gertrude Stein zu schreiben. Und obwohl das ziemlich „escheresk“ und kompliziert klingt, ist das höchst ungewöhnliche (und schmale) Buch (151 Seiten) unterhaltsam, witzig und anregend.

Zurück zur Katze: Die Erzählerin, die vermutlich der Autorin ähnelt, wohnt für ein Jahr in Paris, wo sie Freundschaft mit zwei Frauen schließt. Eine davon, Eva, vermisst ihren Kater.

„Bevor er verschwand, ließ Eva ihre Tür immer einen Spaltbreit offen, mit der Türkette gesichert, damit niemand hereinplatzen konnte, wenn ihr Kater die Stufen zum Hof hinabtapste. […] Sie hatte ihn verloren. Den Kater. Er schlief auf ihrem Bett, und für Eva war sein Schnurren das Äquivalent zur Weihnachtsbeleuchtung, die bald in den Bäumen in ihrem Viertel aufgehängt werden würde.“

Die Freundinnen suchen den Kater, beraten die Erzählerin beim Schreiben ihres Essays, hadern mit ihren eigenen Lebensentscheidungen, treffen sich regelmäßig und essen gut. Wenn die Erzählerin kocht, dann aus dem Kochbuch von Steins Geliebter, Alice B. Toklas.

Auf dem Friedhof Père Lachaise und auf der Suche nach Steins Grab findet die Erzählerin viele kleine Geschichtensplitter über „die Toten, die in ihrem Kopf begraben sind“: über Chaim Soutine, den armen Maler, dem ein Arzt ein Wanzennest aus seinem Ohr entfernen musste, über Marie Vassilieff, die den betrunkenen streitsüchtigen Modigliani die Treppe hinabschubste, um das Huhn für das Bankett zu Ehren Braques aufzuschneiden, über Apollinaire, der 1918 an der Grippe starb, über Proust und Oscar Wilde … Es sind viele. In ihren Streifzug komponiert sie Bruchstücke von Gertrude Steins Biografie hinein, besonders den Mut, mit dem sie sammelte und schrieb. Ein gleichsam kubistisches Gemälde der Wegbereiterin der Moderne entsteht. Schließlich galt auch für die: „Sie war besessen von dem, was sie ‚Komposition‘ nannte.“ Levy unterstreicht die emanzipatorische Leistung Steins, die niemals mit der Frau eines Genies Smalltalk führen wollte, sondern selbst Genie sein.

Das alles erzählt Levy in einem leichten, oft ironischen Ton, der dem Gertrude Steins so gar nicht entspricht. Die wollte nicht verstanden werden. Das wäre ihr zu langweilig gewesen, meint die Erzählerin. Deren geheimnisvoller Gelegenheitsflirt, ein Lehrer, wäre froh gewesen, behauptet er, wenn seine Schüler „Unverständnis riskierten. Wenn sie verwirrt, aber ermutigt aus meiner Stunde gingen.“

Verwirren will Levy ihre Leser nicht. Sie schreibt inkohärent und doch durchkomponiert wie die Autorin der Moderne, die sie verstehen will. Eine Geschichte von Freundschaft, Liebe und neuen Anfängen.

„Ich wollte, dass mein Essay ein klarer Strom ist, aber es war zu viel los. Ein verlorener Kater, Evas verschwundener Ehemann, die große Bandbreite von Fannys erotischen Eroberungen, mich in Paris zurechtzufinden, die Versuchung, Steins Werke wegzulegen und stattdessen Georges Simenon zu lesen.“

Ein bisschen nervig als Stilmittel: die zu häufige und auffällige Wiederholung, wer alles was verlieren musste, damit etwas Neues entstehen konnte: Stein, die Erzählerin, die Freundin Eva, Alice B. Toklas,  James Joyce.

Ein Beispiel:

„Gertrude Stein wurde zu jemandem.
Sie verlor es.
Das musste sie.
Was war es?
Namenlos zu sein. Im Schatten zu sitzen.“

Befremdlich wirkt, dass Levy Gertrude Steins Liebedienerei mit dem Nationalsozialismus in wenigen Sätzen abtut. Wer mehr wissen will, kann das erzählende Sachbuch „Die Buchhandlung der Exilanten“ lesen, in denen Steins Übersetzerinnen-Tätigkeit für General Pétain gründlicher dargestellt wird (Besprechung hier).

Fun fact: Gertrude Stein mochte übrigens Hunde, keine Katzen.

Übersetzung: Marion Hertle

Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom AKI-Verlag erhalten. Vielen Dank!

Katzenfoto ohne freundliche Genehmigung der Katze, aber mit der der Besitzerin und Fotografin Charlotte Lüthje.

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