Christoph Poschenrieder: Fräulein Hedwig

„Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen.“ Vom Schicksal der Großtante war Christoph Poschenrieder nicht viel mehr bekannt als dieser Ausspruch seines Großvaters. Dann begann er zu recherchieren. Großtante Marie hatte einiges aufbewahrt und viel über die Familie geschrieben. Angehörige erzählten bruchstückhaft. Verschiedene Archive gaben Auskunft. Allmählich setzte sich ein Bild zusammen vom Leben und Sterben der Hedwig Poschenrieder, getötet von Ärzten in der Nervenheilanstalt Haar im Juli 1944.

Der Autor, der Großneffe, erzählt anhand der Dokumente. Präzise und eindringlich, meist sehr nüchtern und gerade deshalb so erschütternd. Was er nicht weiß, was er vermutet, macht er deutlich. Dann stellt er sich Szenen und Abläufe vor. Das Leben einer ganzen Familie wird in dem Text, den er „Roman“ nennt, sichtbar.

„Dort, wo ich herkomme, pflegt man zu sagen: Wem gehörst denn du? Im Dialekt natürlich, dann klingt es direkter, harscher und genau so, wie es gemeint ist: Du schleppst die Geschichte und die Gegenwart deiner Vorfahren mit. Ob du willst oder nicht.“

Die Vorfahren haben sich in der Oberpfalz angesiedelt, in Bruckdorf bei Sinzing, wo es heute noch eine Poschenrieder Mühle gibt. Der Vater Hedwigs ist ehrgeizig, hat es zum Lehrer am Alten Gymnasium in Regensburg gebracht. Auch die Mutter hat (vor der Ehe) Ambitionen, will die Welt sehen, arbeitet als Lehrerin bei einer adligen Familie in Podolien (heute südwestliche Ukraine). Hedwig ist das erste von vier Kindern, geboren 1884. Die Familie ist sehr religiös, Hedwig besonders.

„Du bist so furchtbar fromm, Hedwig, sagt Marie, wirst du deinem Katecheten von unserem Opernausflug („Hänsel und Gretel“ in München] erzählen?

Hedwig überlegt lange.

Nein.“

Ein mächtiger Kirchenmann in Regensburg wird ihr Verhängnis:

„Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, es war dieser Alphons Maria Scheglmann, der das Samenkorn legte, der Hedwig mit seinen klebrigen Fäden einfing und einsponn in einen Kokon, aus dem sie sich nicht mehr befreien konnte.“

Der nimmt sie unter seine Fittiche. Sünde und Beichte werden zu Zentralbegriffen in Hedwigs Leben. Die eigene Sündhaftigkeit impft man ihr ein. Selbstvorwürfe und Ängste nehmen zu. Beichten gehen wird zwanghaft.  „Zerknirschung“ hält Scheglmann  „für einen erstrebenswerten Zustand“.

Als der Vater stirbt, wird das Geld knapp in der Familie mit vier Kindern. Hedwig soll zum Unterhalt beitragen. Sie wird gedrängt, Lehrerin zu werden, obwohl sie das eigentlich nicht will. Im Unterricht hat sie enorme Schwierigkeiten mit den Landkindern. Ihre Einsamkeit setzt ihr zu. Heiraten kommt ja nicht in Frage ohne Mitgift. Als Ehefrau hätte sie auch ihren Beruf aufgeben müssen. Immer wieder wird sie vom Dienst beurlaubt – wegen Krankheit. Im Jahr 1910 ist von „Gemütsdepression“ die Rede. 1928 wird sie nach einem wohl psychotischen Schub zum ersten Mal in die Psychiatrie in der Münchner Nußbaumstraße eingewiesen, bekommt Barbiturate, wird ruhiggestellt – gängige Praxis damals. Sie wird endgültig aus dem Schuldienst entlassen, muss wieder zuhause einziehen. Den religiösen Fanatismus hat man ihr nicht ausgetrieben. Die Diagnose lautet „manisch-depressives Irresein“. Sogar die Resl von Konnersreuth wird um Rat gebeten. Vergeblich.

Die Poschenrieders wohnen inzwischen in München. Einmal kann Marie ihre Schwester nicht einfangen, bevor sie der Polizei auf der Straße auffällt. Weil es aber 1944 ist und die Nazis „lebensunwertes“ Leben vernichten wollen, ist ihre letzte Einweisung in die Psychiatrie das Todesurteil.

„Die sechzigjährige Hedwig ist sicher nicht in bester körperlicher Verfassung. Rhythmusstörungen eines nicht sehr starken Herzens, eine gerade überwunden Anämie. Aber nichts, was ihre verbleibende Lebenszeit auf unter einen Monat vermuten ließe.“

Poschenrieder schreibt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern entwirft auch ein Zeitbild vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 1944. Er erzählt von den Lebensmöglichkeiten der Frauen, vom Alltag einer bürgerlichen Familie, der katastrophalen Rolle der katholischen Kirche für die Seelengesundheit der ihr anvertrauten Schützlinge, von den willigen Helfern der Nazis in der Psychiatrie.

Am Rande offenbart sich auch noch eine verblüffende Querverbindung der Familie zu einem (zumindest in München) sehr bekannten literarischen Werk: Alfred Andersch rekonstruiert in seiner autobiographischen Erzählung „Der Vater eines Mörders“ (1980) eine Schulstunde am Wittelsbacher Gymnasium. Hedwigs Bruder Hermann ist Anderschs Lehrer gewesen und wird von Andersch als Klassenleiter Kandlbinder porträtiert, „die Karikatur eines Untertanen“. Der Bruder des Opfers war ein Täter.

Eine beklemmende Lektüre und ein hervorragend erzähltes Buch. Die Schriftstellerei musste Christoph Poschenrieder leider inzwischen aufgeben. „Fräulein Hedwig“ (2025) ist sein letztes Buch. Er arbeitet jetzt als Straßenbahnfahrer in München.

Mir ging das Buch auch deshalb besonders nah, weil ich die erwähnten Orte alle gut kenne. Am Bruckdorfer Bahnweg, nicht weit von der Mühle, habe ich gewohnt, in Regensburg studiert und gearbeitet. In München lebe ich seit langer Zeit.

P.S. Ein wichtiges Buch, in Zeiten, in denen wir einen neuen Gesundheitsminister haben, der schon mal ein Register für psychisch Kranke gefordert hat.

Bildquelle zur „Bibliothek der Namen“ in Haar: https://kbo-iak.de/ueber-uns/erinnerungskultur/bibliothek-der-namen-erinnert-an-die-opfer-der-ns-euthanasie-neuer-erinnerungsort-im-kbo-klinikum-haar

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