Sommer!

Drei sehr unterschiedliche lesenswerte Romane vom Sommer für den Sommer:

Sommerbuch Nr. 1: Cécile Tlili, „Ein Sommerabend“

„Die Küche ist zum Ersticken. Es ist beinahe acht Uhr abends, aber die Sonne dringt immer noch zwischen den Lamellen der Fensterläden durch, um ihr die Haut zu verbrennen. Oder vielleicht macht das Curry aus dem Raum einen Backofen. Was hatte sie sich dabei gedacht, bei diesen Temperaturen ein warmes, scharfes Gericht zuzubereiten. Étienne hatte ihr doch gesagt, ein Salat würde genügen.“

Sofort habe ich Bilder vor Augen – und Erwartungen. Es ist Sommer, es ist heiß. Ich bin in Frankreich, wo man sich vor der Sonne mit Fensterläden schützt. Dazu ein schmaler französischer Balkon, auf dem man kaum stehen kann und zwischen den Gängen Zigaretten raucht. Die Gastgeberin bereitet ein besonderes Essen zu, wahrscheinlich kommen Gäste, wahrscheinlich wird es turbulent. Man isst, trinkt und streitet. Unvorhergesehene Dinge passieren. Während eines harmlosen Abendessen entstehen Risse, Kipp-Punkte, vielleicht neue Ordnungen. Ein Kammerspiel und eine Versuchsanordnung, die mir gefällt.

So ähnlich habe ich das bei Teresa Präauer gelesen: in ihrem so einfallsreichen und surrealen Roman „Kochen im falschen Jahrhundert“ (2023). Im Theater und im Film gibt es das konfliktbeladene Essen bei Yasmina Reza in dem Werk „Der Gott des Gemetzels“.

Hier sind es (wie bei Reza) zwei Paare, die zusammenkommen. Étienne, reicher Erbe und Jurist aus der Pariser Oberschicht, hat vor über zwei Jahren die scheue, komplexbeladene  Physiotherapeutin Claudia geheiratet. Im Lauf des Abends erweist er sich als musterhaftes Scheusal, das seine Frau vor den Freunden bloßstellt.

Eingeladen sind Rémi und Johar, er ein Lehrer und Jugendfreund Étiennes, sie eine Ingenieurin, die sich in einem Tech-Konzern bis an die Spitze hinaufgearbeitet hat, trotz Migrationshintergrund. Alle haben Ängste und Geheimnisse, Hintergedanken und spielen mehr oder weniger erfolgreich Theater voreinander – auch die schüchterne Claudia. Étienne kämpft verbissen gegen den Karriereabstieg und will Johar für seine Zwecke einsetzen. Rémi hat seine Ehe aufgegeben und seit einiger Zeit eine heimliche Geliebte, von der Étienne weiß, aber von der Johar nichts wissen soll. Johar hadert mit ihrer Figur, ihrem Job, ihrer Familie und ihrem Leben. Claudia hat vor allem Angst: vor dem Leben, dem Ehemann, seinen weltläufigen Freunden.

Im Lauf der Unterhaltung und des Essens steigt die Anspannung auf allen Seiten. Es sind die Frauen, die dann letztendlich die Entscheidungen treffen, sich mutiger für Neuanfänge erweisen. Ein Sommerabend, der es in sich hat!

Cécile Tlili bricht die Beziehungen der Figuren auf und verdichtet das Geschehen mit Rückblicken. Herkunft und Klassenbewusstsein spielen nicht nur im Hintergrund mit. Die Ereignisse werden abwechselnd aus allen vier Perspektiven geschildert. Dadurch wirkt die Grundkonstellation lebendig, der Roman reizvoll.

Präauers Roman ist raffinierter und kunstvoller gebaut, Rezas Geschichte ist böser. „Ein Sommerabend“ ist gut erzählte, leicht lesbare Unterhaltung für heiße Sommerabende.

Einziger Haken für mich: Die Figur der Claudia ist mir allzu scheu, ihr Schweigen dem Ehemann gegenüber nicht nachvollziehbar hergeleitet. Man möchte sie fast packen und schreien: Jetzt sag’s ihm endlich!

Der Roman ist 2023 unter dem Titel „Un simple dîner“ erschienen. Die deutsche Taschenbuchausgabe erschien 2026. Übersetzung: Norma Cassau.

Es gibt gefüllte Zucchiniblüten, Hähnchencurry, Safranreis, Mousse au Chocolat, Whisky, Champagner und Burgunder.

Sommerbuch Nr. 2: Zdena Salivarovà, „Ein Sommer in Prag“

Man darf es auch im Winter lesen. Zum Lachen und zum Weinen.

Über Bösartigkeit, Hinterlist, Mut, Witz, Vertrauen, Liebe und Lebensfreude. Und die sieben Todsünden kommen auch vor. Mitreißend und geradlinig erzählt.

Eine Geschichte aus dem realen Sozialismus im Prag der 50er Jahre. Die junge Ich-Erzählerin Jana Honzlová kommt aus einer armen Familie, die böse Erfahrungen mit dem tschechoslowakischen Staat gemacht hat. Mehr als Kartoffeln mit Milch gibt’s oft nicht. Zwei Brüder sind in Arbeitslagern interniert. Der Vater ist nach Übersee geflohen. Mutter, Bruder und Schwester müssen von dem bisschen Geld leben, das Jana nach Hause bringt. Sie hat nach dem Abitur eine Stelle  in einem folkloristischen Sing- und Tanzensemble gefunden. Einmal durfte sie mit ins Ausland, nach Frankreich. Für die Reise nach Finnland hat man ihr nun keine Ausreiseerlaubnis mehr erteilt. Sie soll derweil im leeren Prager Büro die Stellung halten und Telefondienst machen. Glücklicherweise bringt ein Versehen des Direktors erstes Licht ins Dunkel der Behördenwillkür. Jana erfährt aus den Kaderakten, die im Safe des Direktors lagern (er hat die Zahlenkombination am Schlüsselbund hängen lassen), was für ein Mensch sie laut den Denunzianten in ihrem Kollegium ist:

„J. Honzlová ist eine leichtfertige, durchtriebene Person, […] kennt keine Skrupel … lebt in einem moralischen Sumpf … hat in unserem Kollektiv nichts zu suchen …“ Die Mutter schimpfe öffentlich „auf unsere sozialistische, demokratische Ordnung. Das zumindest kann Jana nachvollziehen, da ihre Mutter öfter mal den VEB Obst und Gemüse kritisiert hat, „weil es da nie Zwiebeln gab“.

Jana möchte aber genauer wissen, warum sie die begehrte Erlaubnis, ins kapitalistische Ausland zu fahren, nicht bekommen hat, da sie doch für ihren Einsatz in Frankreich zumindest mündlich belobigt worden ist. Sie begibt sich also ins Kultusministerium und setzt damit eine ganz Kette von Behörden- und Spitzel-Aktivitäten in Gang. In ihrer Verzweiflung will sie sich sogar taufen lassen, um Trost zu finden. Der auserwählte Pfarrer ist der ehemalige Bewerber um ihre Gunst.

Obwohl das alles deprimierend klingt und die Geschichte auch tragisch endet, ist das kein trauriges Buch. Die liebenswerte Erzählerin berichtet von sich und ihrem Leben, ihren falschen Entscheidungen und ihrer Umgebung mit viel schnoddrigem Witz, oft umgangssprachlich. Exzellent ins Deutsche übersetzt von Sophia Marzolff.

Besonders beeindruckend: das haarsträubende Verhör im Innenministerium, bei dem man ihr einen Mord anhängen will, um sie zur informellen Mitarbeit zu zwingen. Das Märchen am Ende hätte ich nicht gebraucht. Ein Quäntchen zu viel Rührseligkeit für meinen Geschmack.

Zdena Salivarová hat in ihren eindrucksvollen Roman viele autobiographische Elemente eingebaut, wie aus dem Nachwort zu entnehmen ist. Sie gründete im Exil in Toronto einen Verlag und veröffentlichte den Roman dort im Jahr 1972. Das Buch stand 2024 auf der Hotlist der unabhängigen Verlage.

Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Mitteldeutschen Verlag erhalten.

Bildhintergrund: eigenes Foto aus Prag

Sommerbuch Nr. 3: Ann Schlee, „Rhine Journey“

Die Geschichte ist alt, auch die Erfahrung nicht neu, und doch ist es eine gute Geschichte.

“Charlotte too in just such an ecstasy had strayed out into the garden at Melbury and actually kissed an open peony.”

Eine englische Familie ist im Sommer 1851 auf Rheinreise: Charlotte wird von ihrem Bruder Charles getadelt, weil sie nicht auf das Gepäck der Familie aufgepasst hat, während er, der Reverend, auf dem Dampfer seine frömmelnden Pamphlete verteilt hat.

Das ist die Anfangsszene des historischen Romans, von dem man zunächst glaubt, er sei vielleicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst worden. Ann Schlee hat ihn aber 1980 geschrieben – mit großem Geschick für die Darstellung der zeithistorischen Hintergründe (drei Jahre nach der Revolution von 1848) und für die Beschreibung der Figuren. Ein sehr zarter Einblick in die Sehnsüchte und Verbiegungen einer viktorianischen Seele. Am Ende ein befreiender Hoffnungsschimmer.

Charlotte ist das geduldete Anhängsel der Familie Morrison. Kürzlich durch eine kleine Erbschaft zu bescheidenem Wohlstand gelangt, könnte sich die nicht mehr junge Frau eigentlich ein selbstständiges Leben leisten. Allerdings steht das offenbar gar nicht zur Debatte. Sie soll ihrer kränklichen Schwägerin Marion zur Hand gehen und auf die siebzehnjährige Nichte Ellie aufpassen. Beim Aussteigen in Konstanz wird sie einen englischen Reisenden gewahr, den sie im ersten Moment für den Heiratsbewerber ihrer Jugend hält. Der war von ihrem Bruder ohne Rücksicht auf ihre Gefühle als unpassend abgewiesen worden. Sie wurde vorsorglich als Haushälterin zu einem entfernten Verwandten geschickt.

Das Erlebnis am Landungssteg löst eine enorme innere Bewegung in dieser viktorianischen Seele aus. Die Gestalt des Reisenden verfolgt sie in ihren Träumen, er wird zum Geliebten ihrer Jugend. So viel Bitterkeit über vergebene Chancen im Leben! Eine große Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und eigenen vier Wänden. Ein Zimmer für sich allein! Dennoch fügt sie sich scheinbar gefasst und wie selbstverständlich in die Konventionen – bis zu einem Kipp-Punkt. Nichte Ellie soll nicht ihr eigenes Schicksal teilen, das hofft sie zumindest.

Ann Schlee erzählt die Geschichte vor dem Hintergrund der preußischen Reaktion im Rheinland. Ein historisches Vorwort klärt die politischen Verhältnisse. Die bilden den zweiten Strang der Romanhandlung, lange nur im Hintergrund, am Ende sehr deutlich verwoben mit Charlottes und Ellies Geschichte.

Sehr kunstvoll komponiert und sprachlich vom Feinsten! Auf der Shortlist für den Booker Prize im Jahr 1981. Ein Lesevergnügen!

Die deutsche Ausgabe ist 2025 unter dem Titel „Die Rheinreise“ bei Dumont erschienen.

Bildhintergrund: eigene Fotografie eines Bildes von Ferdinand Waldmüller (Rosen im Glas, Belvedere, Wien)

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