… kam definitiv zu kurz. Ich hatte anderes zu tun, wie man sieht.




Bilder: Heimatsound Festival 2026 in Oberammergau (abgebildete Künstler: The Magic Mumble Jumble, Encantada, Banda Comunale) und Museum Oberammergau
Nach den intensiven musikalischen Tagen habe ich einen kleinen historischen Roman (172 Seiten) von Eveline Hasler fertiggelesen. „Königssohn“ dreht sich um Hans Christian Andersen, seine vermutlich königliche Abstammung und den dafür verantwortlichen Prinzen Christian Frederik von Dänemark, dessen Liebschaften, dessen Mission und deren Folgen.
Die Schweizer Schriftstellerin kenne ich von ihrem 2015 erschienenen historischen Roman „Stürmische Jahre“ über Familie Mann im Schweizer Exil, den Zürcher Theaterdirektor Rieser und die Familie Schwarzenbach und die Werfels (Besprechung unten).
„Königssohn“ (2026) ist in drei sehr unterschiedliche Teile gegliedert. Im zentralen zweiten Teil nimmt sich Hasler die beeindruckende Lebensgeschichte des Roman- und Märchendichters Andersen vor: die Herkunft, die Ausbildung, die Rückschläge und den Erfolg des sonderbaren Geschichtenerzählers. Sie verflicht Fakten und Fiktion, indem sie die Geschichte von Andersens Kindheit zunächst anhand von leicht bearbeiteten Auszügen aus seiner Autobiographie erzählt. Darauf zieht sie eigene Schlüsse und erzählt chronologisch, teilweise szenisch weiter, bis wieder Andersen selbst zu Wort kommt.
Beispielsweise heißt es:
„Aus diesen autobiographischen Skizzen [Andersens] ergibt sich, dass der Junge auf geheimnisvollen Wegen in seinem Innern weiss, dass er etwas Besonderes ist und später durch seine Begabung ein bedeutender Mann werden kann.
Die Mutter behandelt ihn wie einen Grafensohn.“
Und der Prinz und spätere König fördert den außergewöhnlich begabten Jungen zeit seines Lebens in ganz besonderer Weise. Hasler scheut jedoch vor eindeutigen Aussagen zurück. Denn es gibt keine historischen Belege dafür, dass Andersen der illegitime Sohn des dänischen Prinzen ist. Sie schreibt:
„Es liegt mir fern zu behaupten, doch ich möchte es einmal durchdenken: Wie wäre denn dieser am 2. April 1805 geborene Junge sofort nach seiner Geburt, noch ungetauft, in das Haus des armen Ehepaars Andersen gekommen?“
Gerüchte gab es schon zu Andersens Lebzeiten. Dass der Schriftsteller mit seiner Herkunft und Identität haderte, zeigt sich nicht nur in seinen Märchen. „Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat.“
So wäre es vorstellbar, meint Hasler, dass der achtzehnjährige Christian Frederik und die sechzehnjährige Elisa von Ahlefeld-Laurvig schon vor ihrer kurzen (morganatischen) Ehe ein Kind gezeugt haben, das dann schnell verschwinden sollte. Hasler lässt dazu (im ersten Teil des Buches) den Prinzen mitunter selbst von seiner Liebschaft auf der einsamen Insel Langeland erzählen. Seine Zuhörerin ist eine Nachfolgerin in prinzlichen Liebesdingen, Anna Marie Oechslein, Angestellte in einem königlichen Hotel in Kopenhagen. Auch ihr Kind darf nicht bei der Mutter aufwachsen, sondern wird ebenso wie Andersen in Pflege gegeben, den Pflegeeltern dann wieder entrissen und zur Ausbildung in eine Internatsschule gegeben. Der Prinz sorgt für die Ausbildung. Den Lebensbericht dieses Abkömmlings, lange unter Verschluss, hat Hasler in den dritten Teil ihres Romans gepackt.
Dass die Theorie der hohen Abstammung Andersens nicht aus der Luft gegriffen ist, beweist nicht nur die überlieferte Aussage der sechzigjährigen Elisa, sie und der Prinz seien die Eltern des Dichters gewesen. Der Zeugungsfreudigkeit des Prinzen liegt auch eine heute befremdlich anmutende Mission zugrunde: Er will gesunde Kinder für Dänemark in die Welt setzen. Hasler lässt ihn bezeugen:
„Das Kind Oechslein, Kind Nr. 4, wird wohl ein Junge sein, in meinem Buch wird seine Geburt und werden seine Lebensstationen genau verzeichnet werden …
Ja, es schwebt mir vor, dass ich bald von zehn solch neuen Menschen berichten kann in meinem Buch und dass diese Heranwachsenden wichtig werden für Dänemark.“
Man könnte Christian Frederik beinahe als einen frühen Vorläufer des Nativisten Elon Musk bezeichnen. Was der Prinz den Frauen und Kindern damit antat, kann man nur erahnen.
Hasler bleibt in ihrer Fiktion immer zurückhaltend, kennzeichnet ihre Vermutungen, bleibt nah an den Quellen und urteilt wenig. Sehr angenehm.
Eine schöne kleine Lektüre für Freunde historischer Romane.
Andersen, so schreibt nicht nur Hasler, war ein sehr eigenartiger Mensch, androgyn, in Gesellschaft oft seltsam. Ich erinnere mich an eine bekannte Episode aus seinem Leben, in der sein sehr sonderbares Gehabe sichtbar wird: den Besuch bei Charles Dickens in Kent, nachlesbar in diversen Dokumenten, z. B. hier.
Thomas Mann verehrte den dänischen Dichter, homophil wie er. Hasler schreibt zu Andersens Neigungen:
„[D]er brennende Wunsch, unter Männern eine sentimentale Beziehung zu führen, wie es zur Zeit der Romantik in der Literatur zu lesen war, blieb in seinem schwierigen Wesen stecken, und Kenner meinten, er sei lebenslang ohne jeden sexuellen Kontakt geblieben.“
Um Thomas Mann und die Seinen geht es in einem anderen Roman Haslers, den ich vor längerer Zeit gelesen habe: „Stürmische Jahre“ (Erschienen 2015 bei Nagel und Kimche).

„Wie erfasst man, auch nur annähernd, diese verunsichernden, stürmischen Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg?“, fragt sich Eveline Hasler.
Bildhintergrund: : Schauspielhaus Zürich (Wikimedia Commons)
Sie macht die „Themen der Zeit dingfest an drei Familiennamen: die Manns, die Riesers, die Schwarzenbachs“. Zwischen den Familien gibt es viele Querverbindungen. Hasler hat viele Zeitzeugnisse und insbesondere eine Dissertation über Rieser und das Zürcher Schauspielhaus als Grundlage benutzt, um einen Roman über diese Zeit in der Schweiz zu schreiben. Sie setzt wörtliche Zitate in den Text, wo es ihr nötig erscheint, erfindet rund um die agierenden historischen Personen Dialoge und Szenen, die ein lebendiges Panorama der entsetzlichen Jahre bieten.
Im Mittelpunkt steht das Schauspielhaus Zürich, der Direktor Ferdinand Rieser, seine Frau Marianne, Malerin, Schauspielerin, Theaterautorin und Schwester Franz Werfels. Ihre Persönlichkeit hat es Hasler besonders angetan. Drum herum Thomas, Erika und Klaus Mann, die reiche, nazifreundliche Familie Schwarzenbach und deren Tochter Annemarie, eine unglückliche Weltreisende, Schriftstellerin und Freundin der Mann-Kinder.
Ferdinand Rieser ist eigentlich Weinhändler, kauft nach der Hochzeit mit Marianne das Theater am Pfauen und spielt dort unter dem Einfluss seiner Frau zunehmend moderne und zeitkritische Stücke. Als 1933 viele Schauspieler aus Deutschland fliehen müssen, engagiert er die Verfolgten. Den Schauspieler Wolfgang Langhoff holt er 1934 nach dessen Entlassung aus dem KZ im Kofferraum seines Wagens in die Schweiz, bezahlt ihm Ärzte und ein neues Gebiss, da die Nazis Langhoff die Zähne ausgeschlagen hatten. Thomas Mann geht gern ins Schauspielhaus, auch wenn er nicht mit allen Stücken einverstanden ist und sich ärgert, dass er seine Eintrittskarten ab 1936 bezahlen muss („das ärgerliche Verhalten des Schauspielhauses in Dingen der Kartenbewilligung“). Gewaltsame Proteste gegen Rieser und sein Theater formieren sich unter den sogenannten Frontisten, die auch Erika Manns „Pfeffermühle“ im Visier haben. James Schwarzenbach ist einer der Aufrührer bei den Krawallen rund um das Kabarett und das Theater.
Hasler erzählt aber nicht nur vom bedrohten Theater, sondern auch von Freunden und Verwandten der Familie Rieser. Von den Eltern Werfel, die vor den Nazis aus Prag zu ihrer Tochter in die Schweiz fliehen und nach einem Selbstmordversuch des alten Werfel von den Riesers ausgerechnet ins vermeintlich sichere Vichy gebracht werden. Von Franz Werfel und seiner blindwütig antisemitischen Frau Alma Mahler-Werfel, die selbst noch als Naziverfolgte und vor ihrer angeheirateten jüdischen Verwandtschaft im Schweizer Exil antisemitische Tiraden loslässt. Von Annemarie Schwarzenbach, die ihre Unruhe auch nicht durch viele Weltreisen besänftigen kann und sich wie ihr Freund Klaus Mann durch Drogen zugrunde richtet. Vom Theaterdirektor Rieser, der sich in der Schweiz zunehmend unwohl fühlt, sein Theater 1938 aufgibt, mit der Familie nach Amerika auswandert und kurz nach der Rückkehr 1947 stirbt.
Ein Zeitbild der dreißiger Jahre in der Schweiz. Sehr empfehlenswert für Freunde der Kulturgeschichte.

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