Eine witzige und sehr heutige Vater-Mutter-Kinder-Geschichte. Man kann sie auf verschiedenen Ebenen lesen: als essayistisch angehauchte Erzählung einer Frau über die Abnabelung der Eltern von ihren Kindern (nicht umgekehrt), als kritische/satirische Darstellung unseres digital geprägten Lebens und – wenn man mag – auch als Debattenbeitrag zum männlich geprägten Literaturkanon.
Aus der nachdenklichen, oft selbstironischen Perspektive einer Frau, die mit ihrer Familie am „blonden Stadtrand“ von Berlin lebt, wird erzählt. Sie ist eine von den „Guten“, will alles richtig machen und ist sich ihrer privilegierten gesellschaftlichen Position sehr bewusst. Die Eltern wollen eine neue Familienphase einläuten und das feiern: mit einem Aufenthalt in einem Ferienhaus auf einer italienischen Insel. Geplant ist die Reise in wechselnden Zusammensetzungen, eine Woche nur die Eltern, andere Wochen mit einem Sohn oder mit zweien und mit deren Freunden. Die beiden Söhne sind gerade erwachsen geworden, die Eltern wollen aus der Vater-Mutter-Kind-Konstellation heraus, Neues erproben.
Was kann da nur schief gehen? Ziemlich viel. Peinliches. Lustiges. Schmerzliches. Es sind nur 156 Seiten. Da soll man nicht zu viel verraten. Was neben der unmittelbaren Handlung im Vordergrund steht, ist das digital geprägte Leben, das über Internet und Smartphone kanalisiert wird. Ein bisschen traurig, aber nah an der Realität einer weißen, relativ gut betuchten Mittelschichtfamilie im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, in der man über digitale Kanäle (freiwillig oder nicht) mehr über seine Kinder erfährt als im analogen Leben. Ausbaden muss man es dann analog.
Jedem Kapitel geht eine Bildbeschreibung voran. Man könnte sie als eine Art ALT-Text betrachten, den man aus Social-Media-Kontexten kennt. Die Mutter arbeitet zuhause online, der Vater ebenso. Selbst die Familienkatze heißt Chat (oder doch frz. chat?). Der Vater lädt aus dem Keller die anderen Familienmitglieder im Obergeschoss im Gruppenchat Kernfamilie zum gemeinsamen Abendessen ein, um den Kindern die frohe Botschaft von den Ferien in Italien zu übermitteln. Man benutzt natürlich keine Kochbücher mehr, sondern holt sich die Rezepte aus dem Internet. „Die charmanten jungen Wölfe“ gehen dann chillen, die Eltern seufzen und haben vor der Unabhängigkeit ihrer Kinder Angst: „Das wird episch“, meint der Achtzehnjährige und denkt an Ferien allein zuhause.
„Vier Wochen“ ist eine Novelle – hat also mindestens einen Wendepunkt, einen oder sogar zwei Falken (vielleicht die zentral platzierte Guccibrille der Mutter oder doch das allgegenwärtige Smartphone) und jede Menge Anspielungen auf den Novellenkanon. In einer Nachbemerkung schreibt die Autorin, in ihrem Werk ließen sich „Spuren jener 30 in der Wikipedia […] als Beispiele für ‚bekannte deutsche Novellen“ genannten Texte entdecken“: alle bis auf Droste-Hülshoff männlichen Geschlechts. Die patriarchalen Spuren hat sie großzügig über den Text verstreut. Mal ist es ein „die soziale Ordnung störendes Lachen, bei Frauen hätte man es hysterisch genannt“, das an Kellers Vrenchen in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ erinnert, mal taucht der Gedanke an den italienischen Faschismus auf, der an Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ denken lässt“, mal fragt der jüngere Sohn Gio, was für komische Orangen an einem Baum hängen (es sind die Pomeranzen aus Mörikes „Mozart auf der Reise nach Prag“). Im Garten der Hauptfigur steht ein Birnbaum (vgl. Fontane), der ältere Sohn Vic beschwert sich im Rausch mit den Worten von Schnitzlers Leutnant Gustl über seinen familiären Überdruss:
„Ja, ich bin halt der Sohn, der Bruder … aber was ist denn weiter zwischen uns? gern haben sie mich ja – aber was wissen sie denn von mir? – Daß ich meinen Dienst mach’, daß ich Karten spiel’ und daß ich mit Menschern herumlauf’ … aber sonst? – Daß mich manchmal selber vor mir graust, das hab’ ich ihnen ja doch nicht geschrieben – na, mir scheint, ich hab’s auch selber gar nicht recht gewußt – Ah was, kommst du jetzt mit solchen Sachen, Gustl?“ (Arthur Schnitzler)
Frohmann braucht kaum etwas verändern, nur noch „chillen“ und „labern“ einfügen. Dann passt es.
Die Eltern hätten es gern apollinisch, die Kinder feiern/chillen dionysisch (vgl. „Der Tod in Venedig). Am Ende ist die Abnabelung geglückt.
Die Stellensuche macht Spaß. Die Novelle ist aber kein Pastiche aus dem Kanon, keine Erzählung nur für Deutschlehrerinnen und Literaturwissenschaftler, sondern nach den Worten der Autorin zuallererst eine Geschichte „für Menschen, die Tiefe und Unterhaltung nicht für Gegensätze halten, die Eltern sind / gern welche wären / niemals Kinder wollten, die Italien lieben, Katzen mögen, weiß sind und trotzdem Menschenrechte achten, die Deutsch oder Medienkunde unterrichten, die auf Literaturwissenschaft stehen.“ Also alle. Sehr gute Ferienlektüre!
2025 bei Mikrotext erschienen.
Hintergrundfoto: eigenes Foto eines italienischen Hafens

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