Michael Kumpfmüller: Böse Kinder

Da liegt einer im Keller, hilflos zwischen seinen Aktenordnern, kommt nicht mehr hoch. Trotzdem kommt kein Mitleid auf. Selbstgerecht denkt er über sein Leben nach: die Liebe zur Ehefrau, die er mit einer zweistelligen Zahl von Geliebten betrogen hat, die Liebe zu den Kindern, die ihn enttäuschender Weise nicht zurücklieben.

Ebenso wichtig wie die Erinnerungen erscheinen ihm (da auf dem Boden liegend) der Entwurf der Rede zu seinem 85. Geburtstag und die dicken Aktenordner, in denen er sein Leben akribisch verzeichnet hat; die Termine und Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten, die Zusammenkünfte mit den diversen Geliebten sogar fotografisch. Als die Söhne den Keller ausräumen, erkennen sie die ganze Misere dieser Ehe und Familie deutlicher als zuvor und ekeln sich vor ihrem Vater.

Vincent war mal ein hoher Beamter, Karrieremensch, verheiratet, zwei Söhne. Kontrollsüchtig, selbstgerecht. Man lernt ihn im Lauf der Handlung immer besser kennen und verabscheut ihn umso mehr – trotz der schweren Kindheit im Krieg, dem Verlust des Bruders, der Schläge der Eltern. Seine Geschichte ist eine von mehreren in Michael Kumpfmüllers Generationen-Roman „Böse Kinder“. Es kommen zu Wort: die Großeltern, die beiden Söhne, deren Ehefrauen, die drei Enkelkinder. Ein vielstimmiges Panorama vom Kosmos Familie, von Lebensläufen und Beziehungen, personal erzählt aus den Blickwinkeln aller Beteiligten.

Eine der kleinen, aber in ihrer Drastik bezeichnenden und tief verletzenden Begebenheiten erzählt der jüngere Sohn Alexander immer wieder,

„die Geschichte von der Gabel […], die die Mutter in die Ehe gebracht hatte, weil es einst die Gabel ihrer Mutter gewesen war, und wie er dem Vater bei einem seiner Besuche gesagt hatte, dass er diese Gabel eines Tages gerne hätte; lediglich die Gabel und einen Roman aus Japan, den er als Fünfzehnjähriger gewisser Stellen wegen verschlungen hatte, und als er ihn zwei Wochen später wieder besuchte, hatte der Vater Gabel und Roman in den Müll geworfen, jedenfalls waren sie nirgendwo zu finden gewesen, und mehr musste man über diesen Vater nicht wissen.“

Die verstörendste (und interessanteste) ist die der Großeltern, also der Nachkriegsgeneration, die ihre seelischen Verletzungen nicht verarbeitet hat und an die Kinder weitergibt. Die Ehefrau, Ingrid, lernt ihren späteren Mann mit 17 kennen, bleibt lange geduldig und passiv. Erst im Zug der Veränderungen der 60er Jahre emanzipiert sie sich, wird politisch aktiv und unabhängiger. Sie versucht, die fehlende Zuneigung anderswo zu finden, vermag sich aber nicht zu trennen. Das traditionelle Rollenbild ist zu fest verankert. Ihre individuelle sexuelle Befreiungsbewegung trifft die Kinder, die sich vernachlässigt und nicht geliebt fühlen. Die müssen sich aufbäumen, wütend werden und leiden. Sie sperren ihre Verletzungen ein, können aber Hoffnung auf Therapie setzen. Und sie haben das Glück, dass sie die Hilfe ihrer Frauen bekommen, die ihnen mehr Bodenhaftung schenken, bevor die nachfolgende Generation vom Familientrauma ebenfalls betroffen ist.

Kumpfmüller selbst schreibt dazu auf Instagram:

„In der öffentlichen Wahrnehmung werden die Babyboomer gelegentlich als die Generation Glück gehabt bezeichnet – was im Hinblick auf den Klimawandel und die Rentenfrage richtig ist, aber in vielen anderen Punkten doch nicht.“

Die Enkel (drei junge Erwachsene zwischen 20 und 30) können befreiter leben, hoffnungsvoll, was ihre die psychische Gesundheit angeht. Die Bedrohungen liegen nicht mehr in der Familie, sondern woanders: Klimakrise, politische Zuspitzungen, Schwierigkeiten mit der sexuellen Identität.

Der Enkel Niklas räsoniert nach einer eigenen Liebesenttäuschung desillusioniert:

„Endeten nicht alle Beziehungen regelmäßig in der Katastrophe? Wobei die größte Katastrophe mitunter darin bestand, dass sie ausblieb und alles so weiterging, wie es bei den Großeltern weitergegangen war, zum Schaden aller.“

Kumpfmüller entwickelt eine spannende Geschichte voller eindrücklicher Szenen und Dialoge um eine Familie, deren Mitglieder in der zweiten und dritten Generation um Abgrenzung, Selbständigkeit und Halt kämpfen  – immer mit der ganzen Familiengeschichte im Gepäck. Entkommen ist schwierig. Neue Beziehungen sind es auch. Aber es gibt Zuversicht. Womit der Roman endet.

Ich fand den Roman sehr beeindruckend. Es ist eine Geschichte über die Generationen, die das Erleben heute prägen und/oder die Prägung selbst erleben, positiv wie negativ.

Dass die Beschreibung der Außenwelt und politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in diesem Beziehungsdrama etwas zu kurz kommt, ist verständlich. Mir hat das aber dennoch gefehlt (besonders in der Erzählung der Großelterngeneration).

Der Ansatz des Autors, die Geschichte aus den Perspektiven aller beteiligten Familienmitglieder zu erzählen, hat mich manchmal verwirrt. Nicht immer erkennt man schon im ersten Satz eines Abschnitts, wer gerade spricht/denkt/erlebt.

Ärgerlich sind die Fehler, die im Druck stehen geblieben sind: Da findet man nicht nur einmal im Nebensatz ein falsches Tempus, ein andermal ist die Satzstellung falsch – vielleicht nach einer Änderung des Autors im Manuskript, einmal ist wohl ein Satzteil ganz herausgefallen, sodass der Satz keinen Sinn mehr ergibt. Sogar ein inhaltlicher Fehler (unbedeutend, aber störend) ist dem Verlag nicht aufgefallen. Sehr schade.

Ich danke dem Schöffling Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bildhintergrund: http://www.bertberger.de “ Pond at Bernried”

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