Das Café als Treffpunkt, Heimstatt, Arbeitsplatz, private Akademie, Jobbörse, Netzwerkzentrum, Beobachtungsplatz. Eine Möglichkeit, der Einsamkeit in der Großstadt zu entfliehen oder zusammen mit einem Glas Wasser so viele Zuckerstücke zu erhalten, dass man an diesem Tag nicht verhungerte. Der Ort, an dem Karrieren begannen und Träume platzten. All das war das Romanische Café in Berlin für die Bohème zwanzig Jahre lang.





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Das „Romanische“ war nicht nur ein europaweit berühmtes Literaten- und Künstlercafé. Dort verkehrten Philosophen, Schriftstellerinnen, Journalisten, Maler, Schauspielerinnen, Theaterdirektoren, Verleger, Filmproduzenten, Regisseure und alle, die meinten, Talent zu haben, und auf ihre Entdeckung warteten. Zu bestimmten Zeiten war es auch „die Vorhalle der Zionistischen Kongresse gewesen, die alle paar Jahre in Europa stattfanden.“ Zeitweise war es Anlaufpunkt für jüdische Intellektuelle, die nach dem Untergang des Zarenreiches und der Revolution in Russland eine neue Heimat suchten, eine Art „Transitherberge“. Schon in den Zwanziger Jahren wurde das Café dann immer wieder Schauplatz antisemitischer bzw. nationalsozialistischer Überfälle und Zerstörungen, bis dann ab 1933 die Stammgäste verhaftet waren oder getötet oder außer Landes.
Christian Buckard dokumentiert die glorreichen und die dunklen Zeiten im „Café Babylon“ von 1913-1933 und im Epilog darüber hinaus. Eine unglaubliche Fülle von Informationen, Lebensläufen und Anekdoten! Namen, die jeder kennt und Namen, die kaum jemand kennt. Buckard vermittelt das Ergebnis seiner umfangreichen Recherche in einem leichten, sehr gut lesbaren Tonfall, der präzise und sehr anschaulich einen fesselnden Erzählbogen schafft. Das umfangreiche Personenregister im Anhang lädt dazu ein, das Buch auch nach der Lektüre als Nachschlagewerk zur Kultur der Weimarer Republik zu nutzen.
Denn wo sonst tummelten sich auf so engem Raum (und – nebenbei bemerkt – in so rauchgeschwängerter Luft) so viele Intellektuelle wie im Romanischen Café! Vielstimmig und vielsprachig.
Es gab Tische, an denen man sich nicht einfach niederlassen konnte, sondern eine Aufnahmebewilligung brauchte. Schon vormittags „erschien dann der ‚romanische‘ Ureinwohner John Höxter, ‚der ewige Bohemien‘, allseits geachteter Schnorrer“. Kurz danach dann Egon Erwin Kisch mit Anhang. Erst spät am Abend ließ sich der Maler Max Slevogt an seinem Stammtisch nieder. Es war streng verboten, seine Zeichnungen von der Marmorplatte zu entfernen. Der Eintänzer Billie Wilder bekam für seine Reportagen Unterstützung vom Dichter Klabund. Wilder erzählte später, er habe so wenig Geld gehabt, dass er Angst vor dem Kellnerwechsel um 12 Uhr hatte:
„Zwölf Uhr Mittag, High Noon – ich erlebte als Zwanzigjähriger im Romanischen Café die gleiche Spannung, wie sie Fred Zinnemann später in seinem Film erzeugt hat – es war suspense in der Realität.“
Wolfgang Koeppen betete als unglücklich Liebender eine Schauspielerin an und macht später einen Roman daraus. Leonhard Frank fand die Frau seiner Träume gleich neben der Drehtür. Else Lasker-Schüler nannte das Café die „romanische Wartehalle“. Mascha Kaléko schrieb Gedichte darüber. Ruth Landshoff spazierte als It-Girl durch die Hallen. Und Ernst Rowohlt aß Glas. Erich Kästner war 1928 nicht ganz so angetan vom Café wie andere: „Haare, Mähnen, Locken, die bedeutend ins Gesicht fallen. Der zweite Eindruck: Wie oft wird hier die Leibwäsche gewechselt?“ Er bevorzugte das Café Carlton, musste aber doch immer wieder ins Romanische, weil er unbedingt Kisch treffen wollte und eine Empfehlung für die „Weltbühne“ brauchte.
1933 erforderte ein Besuch im Romanischen „entweder Mut oder ein gewisses Maß an Leichtsinn oder beides“. Selbst ausländische Besucher wie Kisch waren zur Zielscheibe der Rollkommandos geworden. „
Als Jean-Paul Sartre Anfang 1934 […] zusammen mit seiner Freundin Simone de Beauvoir das ‚Romanische‘ betrat, fanden sie dort nur eine gespenstisch leere ‚große Halle mit kleinen Marmortischen und Stühlen mit hohen Lehnen’ vor.“
Ein Stück höchst beeindruckender Kulturgeschichte. Unbedingte Leseempfehlung!
Ich danke dem Ch. H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

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