Als Münchnerin kommt man um das Oktoberfest nicht herum. Egal, ob man hingeht oder nicht. Ob man sich vor dem Alkoholexzess fürchtet und die U-Bahn zur Theresienwiese meidet, die bierselige Besoffenheit und Dirndl- und Lederhosen-Zünftigkeit der Besucher beiderlei Geschlechts im Vorübergehen vom Wiesnrand aus betrachtet oder sich ins Getümmel stürzt, weil man das halt im September so macht – wie auch immer. Ich tu es mir nicht an. Ich lasse tümmeln: literarisch. Die Fernsicht tut gut: kein Kater, keine Wiesngrippe oder Schlimmeres. Bei Thomas Wolfe liest sich das 1928 schon so:
„München hat mich beinahe umgebracht. Es hat mir den Kopf mit Narben übersät, die Nase gebrochen und mich zu guter Letzt in zehn elenden Sekunden auch noch mit einer mörderischen Erkältung geschlagen.“ (Brief an Aline Bernstein, Oktober 1928)
Er hatte sich 1927 beim Besuch des Oktoberfests betrunken in eine Schlägerei ziehen lassen und eine Erzählung geschrieben, in der er sich recht eindeutig mit den Bierzeltinsassen auseinandersetzt: „massige, schwere Leute, in deren Gesichtern schon etwas von der aufgedunsenen Saturiertheit von Schweinen lag […,] benebelt vom Essen und vom Bier, und viele von ihnen starrten die Leute um sie herum in einer Art Betäubung an, als hätte man sie unter Drogen gesetzt.“ („Oktoberfest“. Eine Erzählung. Aus dem amerikanischen Englisch von Irma Wehrli, Manesse 2010)
Der Konjunktiv scheint da völlig unnötig. Und der amerikanische Schriftsteller macht da auch gern mit, scheint es.

Etwas harmloser geht es bei den Oktoberfest-Szenen von Karl Valentin zu, deftiger bei Herbert Achternbusch, ernster, trauriger und politischer bei Ödön von Horvath, wenn er die Sehnsucht der Wiesenbraut beschreibt:
„Meistens wird die Wiesenbraut vom Standpunkte des Herrn aus gesehen – aber die Gefühle samt der Sehnsucht, die in der Wiesenbraut leben, werden selten respektiert. Oft will die Wiesenbraut nur lustig sein und sonst nichts; häufig will sie sonst auch noch etwas; nie aber denkt sie momentan materiell. Aber in der Wiesenbraut wohnt häufig die Sehnsucht, dass es immer ein Oktoberfest geben soll; […] Die Wiesenbraut verlässt die Ihren, verlässt ihr Milljöh – geht mit Herren, die sie nicht kennt, interessiert sich wenig für den Charakter, mehr für die Vergnügungen. Die Wiesenbraut denkt nicht an den Tod. […] Nur im Märchen bekommt die Wiesenbraut einen Prinzen.“ („Wiesenbraut und Achterbahn. Ein Abend auf dem Oktoberfest“. Ca. 1930)
Seine Karoline lässt er im Volksstück „Kasimir und Karoline“ (1932) resümieren: „Die Menschen sind halt wilde Tiere.“ (103. Szene)
Und weil das Oktoberfest nie auserzählt ist und das Immer-Gleiche sich in immer neuen Variationen zu einem Mythos aufgebaut hat, braucht auch die Gegenwartsliteratur einen Wiesnbesuch. Rustikal und derb darfs ruhig sein und zum Lachen aus sicherem Abstand. Die Sargnagelstefe ist von der Regisseurin Christina Tscharyski im Herbst 2019 hingeschickt worden, um für das Münchner Volkstheater aus österreichischer Perspektive dem festlichen Grauen einen neuen literarischen Seitenhieb beizubringen („Am Wiesnrand“).
Gleich zu Beginn betont sie, ihr seien „Volksfeste dieser Art nicht unbekannt. […] Nationalstolz, Alkoholmissbrauch und Übergriffe kennt man in der geliebten Heimat von Kindheit an.“ Der Unterschied sei, dass kein FPÖ-Mann vorne stehe und über den Islam schimpfe. Staunen wird sie dann über das Ausmaß des Exzesses.
Zwei Wochen lang stand sie nicht nur am Wiesnrand, sondern auch im biersumpfigen Zelt, am Kotzhügel, im Flohzirkus und vor der Toilettentür und verdichtete dann das Ergebnis ihrer teilnehmenden Beobachtung des seltsamen Gebarens der hiesigen und auswärtigen Erdbewohner mit kenntnisreichem feministisch-satirischen Blick, scharf, unappetitlich, ordinär (wie sonst?). Dass die Beschreibung bei Sargnagel genauso drastisch und grotesk ausfällt wie das Geschehen da unten auf der Theresienwiese, ist für Sargnagel-Leserinnen eh selbstverständlich.
Sehr treffende Beobachtungen (ins Absurde verzerrt) gelingen ihr immer wieder: zum Beispiel beim Aufmascheln der Wiesngängerinnen, denen in Friseursalons pseudobayerische Frisuren gedrechselt werden:
„Kordelzöpfe, Gretchenschwänze, Kränze, Gräten, Kronen, Dutte, Bauerntaue, Wasserfälle, Schnecken. Selbst die Wimpern werden eingeflochten. Ganze Frauengruppen, bestehend aus Töchtern, Tanten und Großmüttern, lassen sich ineinander verknüpfen, bis sie sich in einen großen deutschen Zopf mit zappelnden kleinen Gliedmaßen verwandeln, der wie ein Rattenkönig Richtung Festgelände wackelt.“
Sargnagels Ausrüstung für die Expedition ist ebenso bemerkenswert. Neben dem obligatorischen Wegwerfdirndl aus Polyester wird die Berichterstatterin von einer Freundin mit „Pfefferspray, Gleitgel, Pflaster, Notrufnummern für Sexualstraftaten“ ausgestattet. Den Traumprinzen, den sie sich erhofft hat, wird sie da nicht finden, ebenso wenig wie die Karoline bei Horvath. Dort wie hier geht es um den Rausch, die schnelle Nummer und eigenartige Attraktionen. Bei Horvath die rassistische „Abnormitätenschau“. Auf die nimmt Sargnagel explizit Bezug, wenn sie schreibt:
„[Die historischen Fahrgeschäfte] erinnern einen an das wilde Schaustellerleben der Vergangenheit, an die Freiheit von der Diktatur der politischen Korrektheit, als man noch siamesische Zwillinge, bärtige Frauen, Exoten, Fettleibige und Kleinwüchsige bestaunen konnte. Die gute alte Zeit, in der Menschen als bizarre Launen der Natur vorgeführt wurden und sich niemand daran gestört hat, wenn man sie zur Gaudi erniedrigte und verlachte.“
Heutzutage lacht man dafür über die zotigen sexistischen Kommentare der Teufelsrad-Moderatoren. Achtzehnjährige Polizisten-Bürscherln überbieten sich im Festnehmen, besonders von Cannabis-Konsumenten (denn Rauschgift ist hier nicht erlaubt).
Irgendwann werden mir die Monstrositäten dann doch zu viel. Das Amüsement hält sich in Grenzen. Das Immer-Gleiche kann auch langweilen. Noch mehr im zweiten Teil, der ihren Besuch in Bayreuth dokumentiert. Einst (2016) im Auftrag der Zeit verfasst geht es hier um das Befremden im Angesicht der verknöcherten Wagner-Hochkultur, aber eigentlich ums pausenlose Essen, mit dem Sargnagel der Kultur ausweicht, mit der sie nichts anfangen kann (Buch-Füllstoff?).
Viel besser, versponnener, geschickter ins Groteske kippend und zugespitzter ist ihre Satire „Opernball“ (2026) (Besprechung hier). Auch das amerikanische Reisetagebuch „Iowa“ (2023) hat mir gefallen (Besprechung hier).
Ich danke dem Rowohlt Verlag und Netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar von Stefanie Sargnagels „Oktoberfest“.

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