Im Bett bleiben oder nicht? Waschen oder nicht? Besser aufstehen. Denn der Herzog in Moritzburg, wo Leibniz gerade zu Gast ist, meint sonst wohl, der Dr. Leibniz sei nicht so rastlos tätig, wie es der Fall ist. Leibniz steht gern spät auf, weil er bis spät in die Nacht an seinem Schreibtisch sitzt, denkt, Notizen macht, Korrespondenzen erledigt.
Sein Status, das Bild in der Gesellschaft ist ihm sehr wichtig. Er will die Menschheit voranbringen und dazu braucht er Einfluss auf die Höfe Europas. Morgentliches Waschen ist dagegen nicht unbedingt eine Voraussetzung für einen angenehmen Eindruck bei Hofe. In Versailles stinken schließlich alle. Lieselotte von der Pfalz schreibt an Leibniz‘ Gönnerin, die Kurfürstin in Hannover, es sei rar, dass gelehrte Leute sauber sind und nicht stinken. Er tupft sich also mit Leinentüchern feucht (mit Essigwasser) ab – trotz der Gefahr, dass durch das Wasser Krankheiten in den Körper eindringen.
Dann gesüßten Kaffee. Gerne abends Wein, möglichst mit Kirschsaft gesüßt. Marzipan, Konfekt. Auf Reisen in den Poststationen eher Wirsing mit Speck, Kartoffeln, Dünnbier.
Das sind nur kleine Details aus dem liebevollen Porträt, das Franz-Maria Sonner von dem letzten großen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zeichnet. Er stützt sich auf umfangreiche Recherchen: diverse Biographien und den umfangreichen Nachlass. Leibniz hat allein 100.000 Blatt Notizen hinterlassen, deren Auswertung bis heute nicht abgeschlossen ist, wie Sonner im Interview erklärt. Allerdings findet sich dort nichts Persönliches, worauf sich der Autor für seine Novelle hätte stützen können. Sonner hat sich diese Lücken aber zunutze gemacht und dem blassen Gelehrten privates Leben eingehaucht.
Zwei Jahre vor seinem Tod muss Leibniz mit großen Enttäuschungen zurechtkommen. Er ist krank, versucht vergeblich seinen Schmerzen mit noch größeren Schmerzen (durch selbst gebaute Schraubstöcke) zu begegnen. Der Kurfürst hat ihm Reiseverbot auferlegt. Eine Zumutung für den Intellektuellen, der mit Gleichgesinnten in ganz Europa in Kontakt bleiben muss. Der Grund für die fürstliche Strafe: Vor langer Zeit hat ihm der Kurfürst den Auftrag gegeben, die Geschichte der Welfen zu erforschen und aufzuschreiben. Der eigensinnige Leibniz hat das vor sich hergeschoben – auch dann noch, als die Zahlungen aus dem kurfürstlichen Haus ausblieben und der Einfluss auf den Kurfürsten schwand. Er darf nicht mit dem Hannoveraner Hof nach England reisen. Seine Gönnerinnen, die Kurfürstin Sophie und ihre Tochter die preußische Königin Sophie Charlotte, sind tot. Die letzte Chance: In Bad Pyrmont bei der Kur versucht er eine Begegnung mit dem russischen Zaren herbeizuführen. Die Wasserkur schlägt zwar bei dem kranken Leibniz ein wenig an. (Er leidet an Gicht und einem offenen Bein), das Treffen mit dem exzentrischen Zaren verläuft aber enttäuschend. Einige Papiere darf er ihm immerhin übergeben.
Sonner zeichnet Leibniz vom Standpunkt des gealterten Mannes als ruhelosen, zielstrebigen Menschen, der viel erreicht hat und auch bis zum Tod nicht aufhört, für seine Entdeckungen, Erfindungen, philosophischen und mathematischen Theorien zu kämpfen. Als Leserin bekommt man eine Kürzestversion der Monadenlehre, erfährt von der Erfindung des binären Systems, vom Streit mit Newton über die Infinitesimalrechnung, von Leibniz‘ Problemen mit seiner Rechenmaschine, die auch der Uhrmacher in Zeitz nicht ohne Stocken zum Laufen bringt. Auf allen möglichen Gebieten hat er sich versucht, seien es
„horizontal angebrachte Windmühlenflügel, Kriegsmaschinen, eine universelle Symbolsprache, unter Wasser fahrende Schiffe, Schnellfeuergewehre, eine mechanische Enzyklopädie, Feuer- und Rentenversicherung und sogar Schuhe mit Sprungfedern.“
Der gefederte tragbare Postsitz für Kutschen war ein Erfolg.
1716 stirbt Leibniz nach Magenkoliken, denen auch das selbstgebraute Dekokt nicht abhelfen kann.
All das liest man mit Anteilnahme am Schicksal des Gelehrten, der sich an den Höfen Europas verdingen und um die Gunst der Herrscher bangen musste, um sich über Wasser zu halten und seinen Einfluss geltend zu machen. Sonner hat hinter dem übermächtigen Bild des Gelehrten die Person gefunden und gleich ein Bild der Zeit dazu geliefert. Eine unterhaltsame, leichte Lektüre, die durchaus zur eigenen Bildung beiträgt!
Hintergrundbild: Johann Friedrich Wentzel, Gottfried Wilhelm Leibniz, ca. 1700 (Wikimedia Commons)
P. S.: Wenn man Edgar Reitz‘ herausragenden Film über Leibniz gesehen hat, ist es schwer, sich Leibniz nicht als Ebenbild von Edgar Selge vorzustellen. Schadet aber nicht.
Vor zwei Jahren habe ich ein anderes Gelehrtenporträt von Franz-Maria Sonner gelesen, das mir auch sehr gut gefallen hat:

Eine vierstündige Zugfahrt vom Wiener Nordbahnhof bis ins mährische Brünn. Sie bildet den Rahmen für die Novelle von Franz-Maria Sonner über Gregor Mendel. Innerhalb dieser Rahmengeschichte entfaltet sich das Leben Mendels in der Rückschau. Sein Name steht bekanntlich für die Vererbungslehre.
Der alte Abt Gregor ist 1883 nach Wien gefahren, um eine für ihn ungeheuerliche Ungerechtigkeit ein für alle Mal zurechtzurücken. Sein autarkes Kloster wird neuerdings besteuert. Erreicht hat er nichts. Nachgeben will er aber auch nicht. Er ist geduldig, hartnäckig, stur. Es geht ihm ums Prinzip. Für seine Forschungen zur Vererbung war wohl so eine Haltung notwendig. Gegen die staatliche Bürokratie kann er damit nichts ausrichten. Doch ein Kohlhaas ist er auch nicht. Er hat sich zurückgezogen, findet sein Leben vergiftet und freudlos.
Fast unmerklich vollzieht sich der Übergang von der Erinnerung des Abts Gregor zum Erleben des jungen Paters Gregor. Der Bauch ist noch nicht so dick, dass er die heruntergefallenen Zigarren nicht mehr vom Abteilboden aufheben kann, noch kein Wasser in den Beinen, aber schon mehrfach zusammengebrochen. Das Schicksal meint es nicht sehr gut mit Gregor Mendel. Auch als alten Mann schmerzt ihn noch der Misserfolg bei den zwei Versuchen, Gymnasiallehrer zu werden. Das unmäßige Essen bringt keine Abhilfe, im Gegenteil. Die Niederlagen verfolgen ihn auch im Alter.
Er sucht nach Regeln – ganz gleich wo. Pisum sativum hat es ihm angetan. So hat er mit unendlicher Geduld die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung von Merkmalen bei der Erbse untersucht. Seine Entdeckungen werden allerdings kaum beachtet.
Franz-Maria Sonner erzählt mit knappen Dialogen, plastischen Bildern und viel Liebe zum sprechenden Detail vom Leben und Wirken des zu Lebzeiten verkannten Naturforschers. Je näher der Abt dem Ziel kommt, desto abgründiger seine Vorstellungen. Am Ende dann auch Einsichten über schreckliche Konsequenzen der Vererbungslehre. Denn kurz vor der Ankunft in Brünn sitzen ihm die Schicksalsgöttinnen gegenüber.
Fun fact: Offenbar konnte man 1883 beim Schaffner kurz vor Floridsdorf ein sogenanntes Gabelfrühstück bestellen und bekam dann später beim Halt in Lundenburg einen Teller Gulasch, zwei Knödel und ein Glas Rotwein im Abteil serviert.

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