Wenn gleich zu Anfang des Romans eine Essenseinladung beschrieben wird, hat das Buch mich schon halb gewonnen. Weil die Gastgeberin ein kurzfristiges Faible für die Küche der Siebziger Jahre hat, gibt es Hähnchen-Pilz-Vol-au-Vents, Oliven-Ananas-Spießchen, Huhn â la Marengo, runtergespült mit Champagner. Unter den Gästen befinden sich Kate, eine der Ich-Erzählerinnen, und ihr Mann Jack. Der wirft gern mit oft vorgetragenen Theorien um sich, z. B. zur Popularität von Yotam Ottolenghis Rezepten:
„Ein willkürliche Ansammlung von Zutaten, die jemand zusammengeschmissen hat, der zehn Stunden mit Einkaufen und zehn Minuten mit ‚Kochen‘ verbracht hat[.] Zatar – niemand weiß, was das eigentlich ist. Ist es ein Blatt? Ist es eine terroristische Vereinigung? Granatapfelsirup – bitte was?“
Epigonal und lächerlich aus der Sicht des wohlsituierten Londoner Architekten. Mansplaining wie es im Buche steht. Nicht alle in seinem Publikum sind amüsiert von seinen apodiktisch referierten Tiraden. Kate beobachtet den Smalltalk der Gäste, versetzt sich gedanklich in die Rolle der 25 Jahre jüngeren Frau am Tisch, die wahrscheinlich das selbstgerechte Gehabe der Boomer-Generation, von Jack und seinesgleichen, verachtet. Ein Gast erzählt Kate von einer seiner Klientinnen, einer Drehbuchschreiberin, die so eine Unterhaltung in ihre Serie eingebaut hat und das Leben eines Boomer-Ehepaars aus der gehobenen Schicht Hampsteads im Detail darstellt. „Betrug“ heißt die Serie und wird ein großer Hit auf Netflix. Nachdem Kates Ehemann wenig später gestorben ist, findet Kate heraus, dass in dieser Serie ihre eigene Ehe, ihre Unterhaltungen mit Jack, intime Details, einfach alles – bis in die Formulierungen hinein – auf dem Fernsehschirm erscheint. In die Trauer um ihren Mann mischt sich das kalte Entsetzen und sie tut alles, um dem Verbrechen an ihrem privaten Leben auf die Spur zu kommen und sich zu rächen.
Die Drehbuchschreiberin Phoebe ist ihre Gegenspielerin. Sie ist Angehörige der Millennial-Generation mit unglücklicher Kindheit, Mutterkomplex und wie Kate nicht gerade ein Ausbund an Sympathie. Phoebe muss anders als die arrivierte Kate kämpfen, um mit ihren Ideen auf dem Medienmarkt zu überleben. Die beiden erzählen abwechselnd. Dazwischengesetzt sind Ausschnitte aus dem Drehbuch Phoebes.
Beiden Protagonistinnen fehlt es an Empathie, obwohl Kate ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein mit Gefängnisbesuchen aufzumöbeln versucht. Was man halt so macht, wenn man in bestimmten Kreisen nix zu tun hat. Den „ewig leidenden Wir-sind-alle-Schwestern-Masochismus“ hasst sie, von den Freundinnen lässt sie sich aber gern trösten. Ihren Rachefeldzug führt sie allerdings ganz allein. Rache kennt kein Mitleid, aber einige Opfer. Gerechtigkeit ginge anders. Im Roman wie in der Realität.
Der Roman fängt sehr gut an (siehe oben) und hängt dann enttäuschend durch. Lanchester hat sich sehr viel Zeit gelassen, bis die Spannung im dritten Teil anzieht. Er stellt die beiden Protagonistinnen vor, indem er sie von ihrer Situation, ihrem Umfeld, ihren Ansichten erzählen lässt. Es gibt scharfsinnig beobachtete Szenen, aber die Handlung tritt auf der Stelle. Kate wirkt geschwätzig, Phoebe erscheint kalt, in entscheidenden Momenten sehr naiv. Beide haben festgefügte Meinungen, die sie gerne deutlich machen.
Vielleicht soll das so sein. Schließlich werden Kate und Phoebe als die Vertreterinnen zweier Generationen vorgeführt, die gerne Recht haben. Der Handlung kommt es nicht zugute.
Im dritten Teil wird’s aber richtig spannend. Die Geschichte des jungen Paares Kate und Jack in Oxforder Studententagen ist perfekt erzählt: der Ur-Grund des Rache-Geschehens. Ab da hat mich der Roman auch nicht mehr losgelassen – obwohl man ahnt, wie’s ausgeht.
Ein Sittenbild aus der Londoner Gesellschaft. Eine Komödie, wie der Verlag den Titel anpreist, ist es sicher nicht. Zwei Generationen. Zwei Klassen. Ein altes Motiv. Eine letztendlich auch spannende Rache-Geschichte aus zwei verschiedenen Welten.
Lanchesters Vorgängerromane „Kapital“ und „Die Mauer“ fand ich stärker, weil sie politischer und gesellschaftskritischer waren.
Übersetzung: Dorothee Merkel
Das Buch habe ich bei www.vorablesen gewonnen. Es ist bei Klett-Cotta erschienen.

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