In Wien wurden die Leichen bis Dezember 2003 unterirdisch transportiert. Es gab ein ausgeklügeltes System mit Tunneln und Stationen an vielen Orten in der Stadt. Der letzte, auf den alle anderen Tunnel hinlaufen, führte zum Zentralfriedhof in Simmering. Bewerkstelligt wurde das Ganze mithilfe pneumatisch betriebener Leichenwagen auf Schienen, ähnlich der Rohrpost zum Verschicken von Briefen. Otto Wagners Stadtbahnstationen tragen heute noch Ornamente, die die Ventilatoren der „Pneumatischen“ als Blumenmuster nachahmen. Der erste Passagier war Mozart, der letzte Niki Lauda. Man kann eine Führung buchen, vergleichbar den beliebten Dritte-Mann-Kanaltouren.
Nein. Alles ausgedacht. Oder doch nicht? Die Autorin Sarah Wipauer jedenfalls ist sich inzwischen nicht mehr ganz sicher, was in ihrem Roman wahr ist, was von ihr erfunden. Bei der Lesung im Literaturhaus Wien gibt sie ihren Lesern den Rat, das, was man für besonders unwahrscheinlich hält, für wahr zu halten. Die Wirklichkeit sei durchlässig, jede Stadt habe verschiedene Schichten, lässt sie ihre Erzählerin sagen. Fakt ist, es gab einmal nie verwirklichte Pläne für ein solches System. Die Straßen zum Zentralfriedhof waren sehr schlecht.
Wipauers Ich-Erzählerin Merian führt durch das unterirdische Wien ins Totenreich und erzählt wundersame Geschichten vom Weg der Toten, ihrem eigenen Leben (in verschiedenen Variationen). Von den Arbeiterinnen (nur Frauen), die die Leichen in den oberirdischen Kapellen in Empfang genommen haben, sie in kleine, mittlere und große Särge gelegt und sie dann bis zur Endstation „durchgeschossen“ haben. Vom Arthur-Schnitzler-Hof in der Nähe der Nußdorfer Straße, den man auf das Gelände des Jüdischen Friedhofs gebaut hat und wo es heute spukt. Vom Einsturz der Reichsbrücke, von den ersten Elefanten in Wien und vom Ameisenbläuling.
Ihre rein männliche Tour-Truppe wandert durch die stillen Tunnel, in denen es mal scheppert oder merkwürdig riecht. Die Besucher sind ein paar eigenartige junge Männer, die sich nicht mal Merians Namen merken können. Ist ja auch egal für sie: Miriam, Marianne, Maria. Sie wollen Abenteuer in dem „lost place“, kratzen an Tunnelwänden, wollen Knochen, Hinterlassenschaften der Toten finden.
Die listige Merian hat deshalb Dinge deponiert. Anderes ist einfach da, ganz ohne ihr Zutun, beispielsweise ein Gömböc (von dem ich zum ersten Mal hier erfahre). Verwirrung allenthalben.
Zu Beginn erklärt sie, sie habe keine Mutter. Die Stadt habe sie zur Welt gebracht:
„Die Sichtachsen der Stadt haben mich gezeugt, die Nachmittagssonne, die mich in die Mitte von Jausenengel und Gespenst zwischen die Kirchtürme von St. Stephan projiziert, die Fensterläden mit ihren Schlieren, die verlorenen Kontaktlinsen und die Staubkörner auf den Glasscheiben der Museumsvitrinen.“
An anderer Stelle erzählt sie, sie sei aus einer der Unterwelt-Stationen der „Pneumatischen“ gekullert. Oder auch: Sie sei am 15. Juli 1982 geboren. Ihre Mutter sei eine der unterirdischen Arbeiterinnen gewesen. Auch ihr Name ist mehrdeutig. Bezieht er sich auf Maria Sibylla Merian, die Raupen- und Schmetterlingsforscherin (um Schmetterlinge geht es auch im Buch) oder eher auf Matthäus Merian, der einen der ersten Pläne von Wien gezeichnet hat? Alles bleibt in der Schwebe in dem Roman, der mit einer Fülle Wiener Geschichten und Sagen spielt (vgl. Jausenengel).
„Manchmal fragen mich Besucher, woher ich das alles weiß, was ich ihnen erzähle. Ob es daran liegt, dass ich eine Frau bin? Als Frau muss man immer nachweisen können, ob man das, was man weiß, rechtmäßig erworben hat. […] Ob ich Geschichte studiert habe. […] Wenn sie sagen, Geschichte studieren, meinen sie, Männern zuhören […]. Nein, sage ich, ich habe das alles in der Teeküche gelernt, aus den Gesprächen der Mitarbeiterinnen der Pneumatischen.“
Wer einen spannenden Plot, Realismus und stringente Figurenzeichnung sucht, ist hier falsch. Der Roman ist ein überbordendes, kaum zu bewältigendes Wien-Panoptikum zwischen Meidling und Simmering, bevölkert mit skurrilen Gestalten: ein tolles Setting und abgründiges Erzählen über die dunklen Seiten der Welt und über die Frage, warum man erzählt:
„Man muss erzählen, damit man weiß, was passiert ist, woher man kommt, wie man heißt und was man ist. […] Man muss erzählen, immer weitererzählen, bis der Tunnel endet.“
Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Residenz Verlag erhalten.
Illustration: Wikimedia Commons

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